Posts mit dem Label Durchhaltevermögen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Durchhaltevermögen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 30. Januar 2018

Talent, Marx und ein Stück Holzkohle


Als ich vor rund achtzehn Jahren im AStA der Uni Duisburg-Essen war, hatte ich eines Abends eine angeregte Diskussion mit einer ziemlich rechtgläubigen, aber etwas einfallslosen Marxistin. Es ging um die Frage, ob das künstlerische Können eines Menschen allein von der materiellen Basis geprägt ist oder nicht. Auf 'normalsterblich' übersetzt heißt das soviel wie: Die Mittel, die mir zur Verfügung stehen, bestimmen, was ich bin, zumindest in einer naiven Auffassung des marxistischen Konzepts. Während sie davon ausging, dass nur die Mittel, die man zur Verfügung hat, bestimmen, wer man ist, war ich etwas anderer Meinung. Wie diese aussieht, will ich im Folgenden erläutern.

Wer meine bisherigen Posts zum Thema Talent gelesen hat, weiß, dass ich davon ausgehe, dass es beides braucht, Talent und Übung und dass die äußeren Umstände zwar die Art und Weise, wie ich mein Talent verwirklichen kann, beeinflussen, aber es nicht determinieren. Ich will das einmal genauer erklären: Es gibt dieses geflügelte Wort, dass jeder Mensch nur 10.000 Stunden üben müsste, um in einer Sache Perfektion zu erreichen. Das ist meines Erachtens in dieser schlichten Form falsch (Man kann auch 10.000 Stunden lang Unsinn produzieren). Tatsächlich bin ich der Meinung, dass man sich durch das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten und beständigen Übens immens verbessern kann, dennoch wird ein talentierter Mensch bei gleichem Aufwand immer einen talentbefreiten Menschen schlagen können.

Ich möchte das gerne an einem Beispiel verdeutlichen. Ich selbst bin nicht besonders groß, habe eher kurze Beine und bin eher kurzatmig (Asthma). Würde ich gegen Usain Bolt in einen Sprint antreten, könnte ich 10.000 Stunden lang üben, ohne jedoch Usain Bolt schlagen zu können. Selbst auf dem Höhepunkt meiner antrainierten Leistungsfähigkeit wäre ich nicht in der Lage, ihn besiegen zu können, ganz einfach, weil ich nicht die (physischen) Voraussetzungen dafür habe.

Das gilt analog auch für die Kunst. Ein talentierter Künstler wird, wenn er beständig seine Fähigkeiten weiterentwickelt immer besser sein als jemand, dem weniger Talent mitgegeben wurde. Das heißt aber nicht, dass ein hochtalentierte Mensch auch zwangsläufig erfolgreich sein muss. Talent zu besitzen heißt nicht, dass man dieses auch entwickelt. Man muss es nutzen, um es zum Leben zu erwecken. Tut man es nicht, wird nie etwas geschehen.

Und darin liegt auch die Hoffnung für die nicht Hochbegabten unter uns. Durch den festen Willen voranzukommen, kann man letztendlich – was die Ergebnisse betrifft – erfolgreicher als der Talentierte sein, der seine Fähigkeiten nicht nutzt oder weiterentwickelt. Dabei ist natürlich eine geordnete Umgebung, in der man alle Werkzeuge, die man braucht, zur Hand hat, hilfreich, doch viel wichtiger ist, dass man, wenn man Autor sein will, planvoll vorgeht, sich Gedanken macht, welche Schritte man gehen muss, um seinen Text veröffentlichen zu können. Man muss den Durchhaltewillen entwickeln, auch dann weiter zu machen, wenn man nicht in einer Hochphase ist, es nicht vorangehen will. Man muss sich immer wieder hinsetzen und sich mit dem, was man schreibt auseinandersetzen, ganz ähnlich wie ein Sportler trainieren muss, um seine Kondition halten zu können. Wichtig ist auch, dass man sich nicht an bestimmte Arbeitsmittel (Programme, Schreib-Techniken, Konventionen, Hardware) bindet, sondern in der Lage bleibt, mit dem, was man gerade zur Hand hat, weiterzuarbeiten. – Um ein weiteres Analogon zu bemühen: Ein schickes Outfit macht Dich noch nicht zu einem Sportler, ebenso wenig wie ein kostspieliger Computer oder ein teures Schreibprogramm Dich zu einem Schriftsteller macht.

Letztendlich ist es völlig gleich, welche äußeren Mittel zur Verfügung hat, um sich auszudrücken. Man kann auch Gedichte mit einem Stück Holzkohle auf eine Wand kritzeln, mit einem Bleistift auf einen Fetzen Papier schreiben. Und selbst wenn einem alle anderen Mittel genommen werden, so findet die Kreativität einen Weg, ihre Botschaft nach außen zu bringen, solange nur der feste Wille da ist etwas zu erschaffen. Es mag sich die äußere Form ändern, aber nichts kann eine kreative Person davon abhalten, kreativ zu sein, es sei denn, man zerstört diese Person selbst. Die Kreativität selbst ist aber nicht an äußere Mittel gebunden, sondern etwas, dass den Menschen innewohnt.

Mittwoch, 7. November 2012

Keine Angst vor‘m weißen Blatt

Die Angst vor´m weißen Blatt - (c) G. Sandhoff


„Als er das Moleskine öffnete, hatte er das Gefühl, ein Schriftsteller zu sein. Er nahm den Stift, drückte auf den Knopf an dessen Ende und sah, wie die Spitze der Mine dem Stachel einer Wespe gleich hervorschoss.

Er war bereit.

Doch als er den Kugelschreiber auf das Papier setzen wollte, war da — Nichts! Nada, Niente! Der Autor starrte auf das Blatt vor ihm, bis die leeren Zeilen vor seinen Augen zu verschwimmen schienen. Seine Hand zitterte. Die Spitze des Kugelschreibers verharrte wenige Milimeter über dem Papier, ohne dass es ihm gelingen wollte, sie auch nur einen dieser wenigen Milimeter vorwärts zu bewegen.

Einige Augenblicke bedachte der Autor die Seite mit bösen Blicken, die weiße, linierte Fläche, die es sich im Umschlag aus gewachstem Kunstleder bequem gemacht hatte wie in einem warmen Bett. Er hasste sie. Doch was nutzte das, sie würde heute so unbefleckt bleiben, wie sie es gewesen war, als sie vom Buchbinder in den Umschlag gebettet wurde. Schließlich ließ er resigniert den Stift fallen und stand auf, um in den Keller zu gehen, wo er seine Trauer in einer oder mehreren Flaschen Pinot Grigio zu ertränken hoffte.“


Nicht nur unser (hypothetischer) Autor, sondern fast jeder hat sie schon einmal erlebt, die Angst vor dem weißen Blatt. Doch was eigentlich ist sie (schließlich ist ein Blatt Papier nicht besonders angsteinflößend) und wie lässt sie sich überwinden? Der Post bietet einige Anregungen zu diesem Thema.

Tatsächlich ist die Angst vorm weißen Blatt meist darin begründet, dass man es zu gut mit sich meint. Man glaubt, direkt beim ersten Mal etwas Perfektes zu Papier bringen zu müssen. Zum Teil ist das der aus der Romantik stammenden Vorstellung geschuldet, dass man einen genialen Funken in sich tragen müsste, um etwas zu Papier bringen zu können. Wenn dieser Funken Genialität ausbleibt — nun ja, man kann sich denken, was dabei herauskommt. Schaut man sich aber die Biographien solcher Menschen an, die man gemeinhin als „Genies“ bezeichnet, z. B. Goethe, Schiller oder Kafka, dann fällt auf, dass sie entgegen dem Klischee nicht einsam und allein in ihrem Stübchen große Werke verfasst haben, sondern immer Teil einer Gruppe von Leuten mit gemeinsamen Interessen waren, wenn auch der herausragende. Damit ist auch schon der erste Faktor genannt, der helfen kann, eine Schreibblockade zu überwinden: Man mus sich mit anderen zusammentun. Durch den Austausch und die Rückmeldungen der Anderen lernt man, sein Geschriebenes von Seiten zu sehen, die man selbst nie gesehen hätte.

Den „Autoren“ in sich töten


Auch die eigenen Vorstellungen davon, wie ein Autor zu sein hat, können ein Hemmnis auf dem Weg sein, die sie Story vom Kopf auf das Papier nehmen muss. Man denkt, man selbst, dass Geschreibsel, die Art und Weise, wie man es vorträgt wäre nicht guut genug, man würde sich sicherlich blamieren usw. was mit ziemlicher Sicherheit dazu führt, dass man die Geschihcte gleich sein lässt. Besonders feines Equipment kann manchmal abschreckend wirken, weil man es nicht wagt, in das sündhaft teure Notizbuch etwas zu schreiben, dass unter der „Perfekt“-Marke liegt. Manchmal ist es deswegen besser, den ersten Entwurf einfach auf ein paar Blätter Schmierpapier zu schreiben oder ein billiges Notizbuch zu benutzen. Wenn das Geschriebene dann zu schlecht ist, fällt es leichter, ein solches Stück wegzuwerfen, als ein teures Schriftsteller-Statussymbol im Ledereinband. Man muss sich von seinen Vorstellungen, wie ein „Autor“ zu sein hat, trennen, sie hinter sich lassen, um schreiben zu können. Das ist mit den Autor töten gemeint.

Einer der besten Wege, die Angst vorm weißen Blatt zu überwinden ist tatsächlich, sich hinzusetzen und einfach irgendetwas zu schreiben. Das muss nichts Sinnvolles sein, einzelne Wörter, Unsinn, die Eindrücke, die man in einem Straßencafé sammelt oder, wenn gar nichts hilft, die Tatsache, dass man gerade nicht in der Lage ist, zu schreiben. Letztendlich besteht der ganze Trick darin, sich zu überwinden, einfach auch mal Schund zu schreiben. versucht man dagegen auf den richtigen Moment, die Inspiration oder einen Anflug von Genie zu warten, wartet man meistens vergebens.

Für Geld schreiben hilft


Ein guter Weg, sich derartige Flausen aus dem Kopf zu treiben, ist die Mitarbeit in einer Redaktion, gleich welcher Art sie ist. Das kann die Redaktion einer Schüler-, einer Studenten- oder auch einer Lokalzeitung sein. Wenn man viel Glück hat, darf man für eine Zeitschrift schreiben. Wichtig ist, dass die Publikation regelmäßig erscheint.

Die Tatsache, dass man an feste Termine gebunden ist und, zumindest, wenn es sich um eine professionelle Redaktion handelt, kein Geld kriegt, wenn man nicht liefert, ist sehr motivierend, das übermäßige Polieren am Text sein zu lassen. Nehmen wir das Beispiel einer Lokalredaktion. Der Autor hat den Auftrag erhalten, die Sitzung des örtlichen Kaninchenzüchtervereins zu besuchen. Die Sitzung beginnt um 14:00 Uhr und dauert bis 16:00 Uhr. Vereinbart sind 1000 Zeichen. Um 16:00 kommt man aus der Veranstaltung, fährt nach Hause und setzt sich vor den Rechner. Jetzt hat man noch etwa anderthalb Stunden, um den Text in der Redaktion abliefern zu können, denn um 18:00 ist Redaktionsschluss. Was danach herinkommt schafft es nicht mehr in die Zeitung und das bedeutet, kein Geld!

Bei 1,5 Stunden bleibt keine Zeit, lange an dem Text zu feilen oder sich Gedanken um Inspiration, Genie oder sonst etwas zu machen. Entweder man schreibt, oder das Portemonais und der Kühlschrank bleiben leer. Journalistisch zu schreiben zwingt den Schreibenden dazu, alle Zweifel über Bord zu werfen und kurz, knapp und vor allem über beliebige Themen präzise zu schreiben. Man hat keine Zeit, Angst vor dem leeren Blatt zu entwickeln. Mit zunehmender Übung wird man dann feststellen, dass einem der Einstieg in den Schreibprozess immer leichter fällt.

Andere Wege


Hat man nicht das Glück, für eine Redaktion arbeiten zu dürfen, muss man sich auf andere Strategien verlegen. Oft hilft, das Schreiben in einem festen Rahmen unterzubringen. Man könnte zum Beispiel feste Zeiten für sich definieren, zu denen geschrieben wird, vielleicht jeden Mittwoch von 21:00 bis 23:00 Uhr, oder sonntags zwei Stunden am Nachmittag. Man nimmt sich vor, in dieser Zeit nichts anderes zu tun, als zu schreiben, ganz gleich, was dabei herauskommt. Man sollte sich keine Ziele vornehmen, die nicht zu bewältigen, es reicht völlig aus, wenn man überhaupt geschrieben hat. Ebenso wichtig ist, sich für das Gesamtprojekt ein festes Ziel zu setzen. Hat man sein Schreibpensum erfüllt, sollte man sich belohnen, damit das Ereignis als positiv in Erinnerung bleibt.

Hilft das alles nicht, ist es manchmal besser, das Schreiben für diesen Tag sein zu lassen und eine Nacht über die Sache zu schlafen, und sich am nächsten Morgen wieder an den Text zu setzen. Eine andere Möglichkeit, eine Blockade zu durchbrechen, besteht darin, den Text von einem vertrauenswürdingen Freund gegenlesen zu lassen. So ist es möglich, anhand der Hinweise des Gegenlesers mögliche Stolperstellen zu entdecken und den Text zu verbessern.

Letztendlich muss es darum gehen, ganz gleich, welchen Weg man einschlägt, konsequent am Text zu arbeiten, ganz gleich, für wie schlecht man das eigene Geschriebene hält. Wie im Sport wird man nur dann gut, wenn man ständig trainiert. Dabei ist völlig gleichgültig, ob man eine schlechte Trainigseinheit absolviert hat oder eine Gute. Der Trainingseffekt stellt sich trotzdem ein.

Schreibblockade - (c) G. Sandhoff

Donnerstag, 11. Oktober 2012