Dienstag, 30. Oktober 2012

Einige Quellen zum Handwerk des Journalismus für Journalisten und solche, die es werden wollen


Public Relations ist die Kunst, Mist solange in Blattgold zu hüllen, bis die Menschen vom Glanz geblendet sind.


Wer sich für das Publizieren im Internet und Onlinejournalismus interessiert, kann im Netz einige gute Quellen finden, die sich mit dem Thema befassen. Hier möchte ich vier Quellen vorstellen, die einerseits eine gute Orientierung bieten, andererseits eine Menge brauchbaren Wissens für angehende und nicht mehr ganz so unerfahrene Journalisten bereithalten.

Die Bundesstelle für politische Bildung (BpB)

Die Bundesstelle für politische Bildung hat in ihrer Schriftenreihe Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) zwei Hefte zu den Themen Onlinejournalismus und Publizieren herausgebracht, die absolut lesenswert sind.

Das Netzwerk Recherche

Das Netzwerk Recherche hat sich die Förderung des Recherchejournalismus auf die Fahnen geschrieben und fordert außerdem die strikte Trennung von Journalismus und PR. Auch wenn die Forderung "Journalisten machen keine PR" in Anbetracht der realen Zustände (leider) etwas utopisch erscheint, hat das Netzwerk mit seiner NR-Werkstätten-Reihe eine hervorragende Quelle für alle Aspekte geschaffen, die es braucht, damit guter Journalismus existieren kann.

Die Nieman-Reports

Die Nieman-Reports werden von der Nieman Foundation for Journalism at Harvard University, Cambridge, MA herausgegeben und sind eine der besten Quellen, die ich kenne, wenn des darum geht, sich über die Abläufe im Journalismus zu informieren. Allerdings sollte man einigermaßen firm sein, was die englische Sprache betrifft, um wirklich etwas davon zu haben.

Die Mainzer Mediendispute

Die Mainzer Mediendispute bieten Informationen an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Politik und greifen aktuelle Entwicklungen in der Medienlanschaft auf. Die Dokumentationen sind lesenswert, leider ist aber die Seite unübersichtlich und schlecht gepflegt, so dass dem Leser das Suchen nicht erspart bleibt.

Renovierungsarbeiten...

Im Moment bin ich dabei, ein paar Sachen für das Blog vorzubereiten, dazu gehören unteranderem die "Spielregeln", also die Hinweise, wie bestimmte Dinge auf Literatura Fragmentata gehandhabt werden, eine Seite, auf der ich verschiedene Projekte vorstellen möchte, ein neues Logo und ein neues Maskottchen. Das alles kostet natürlich Zeit, von der ich leider nur wenig habe, und wird nur schrittweise zu realisieren sein. Ich hoffe, das Projekt "Umbau" bis Juni nächsten Jahres abgeschlossen zu haben.
Gepostet wird natürlich trotzdem! Schaut zu, wie sich alles verändert!

Sonntag, 28. Oktober 2012

Ein paar Gedanken zum Teamwork

Da ich heute nicht viel Zeit habe, ist dieser Post etwas ins Unreine geschrieben.

Teamarbeit ist ungemein praktisch, wenn sie funktioniert, viel öfter aber scheitern Projekte, obwohl alle Beteiligten Feuer und Flamme für die Sache waren. Die Gründe dafür sind vielfältig und meistens nicht leicht nachzuvollziehen, in der Regel scheitert ein Projekt aber an einer Mischung aus Kompetenzgerangel, Eitelkeit und Selbstüberschätzung der Teammitglieder. Tödlich für jedes Projekt ist ein fauler Angeber - tut nichts und hält andere von der Arbeit ab.Wie aber kann man verhindern, dass man aus schlechter Organisation heraus sein Projekt in den Orkus schießt? 

Wichtig ist, dass man die Aufgabenverteilung  gleich zu Anfang klärt. Solange man noch bei der Ideenfindung ist, können alle Teammitglieder sich gleichermassen in den Prozess einbringen. Ist die Ideenfindung abgeschlossen, müssen die Kompetenzen klar an die einzelnen Teammitglieder verteilt werden.

Ich möchte das mal am Beispiel eines Buchprojektes zeigen. Man will eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten verfassen. Es gibt einen Lektor, zehn Autoren, einen Bildredakteur und einen Layouter. Ferner einen Rechercheur sowie einen Projektkoordinator. Im initialen Brainstorming wurde beschlossen, über das wissenschaftliche Schreiben hinauszugehen und Aspekte wie Diskussionsführung, Organisation im Studium und das Halten von Referaten hinzuzunehmen. Der Projektkoordinator stellt die Plattform für das Projekt zur Verfügung. Das können Räumlichkeiten, eine Kollaborationsplattform oder schlicht ein Zeitfenster für die Benutzung der Redaktionsräume sein. Der Koordinator kontrolliert ausserdem, dass alle Abläufe richtig ineinandergreifen und sorgt dafür, dass alle Teammitglieder ihre Arbeit zur richtigen Zeit abliefern. Der Lektor kümmert sich um die Autoren, kontrolliert deren Output und sorgt dafür, dass die Texte ein einheitliches Erscheinungsbild haben. Der Lektor greift ausserdem auf die Dienste des Bildredakteurs und den Rechercheurs zurück. Diese suchen die passenden Materialien heraus. Der Layouter schliesslich ist für die graphische und typographische Umsetzung des Ganzen zuständig.

So weit, so gut - Das ist alles ein bekannter Arbeitsablauf, wie er in vielen Verlagen üblich ist. Der gesamte Ablauf funktioniert, weil jeder Mitspieler eine klare Rolle hat. Stellt euch vor, der Lektor würde dem Layouter erzählen, wie er den Text zu setzen hat oder der Layouter versuchte, die Arbeit des Rechercheurs zu machen. Das Beispiel ist so einfach zu durchschauen, dass man sich fragt, warum so viele Projekte genau daran scheitern.

Darum ist es um so wichtiger, dass man, sobald man sich über die gemeinsamen Ziele und die Aufgabenverteilung geeinigt hat, bei seinem Job zu bleiben und diesen so gut wie möglich zu machen. Macht das, was ihr gut könnt und redet nicht den anderen in ihre Job hinein, dann klappts auch mit den Projekten.

Samstag, 27. Oktober 2012

Dienstag, 23. Oktober 2012

Ein effizienter Arbeitsstil ist alles

Da dieser Post verflucht lang ist, stelle ich euch den Text als PDF und EPUB zum Download zur Verfügung: Beide Dateien stehen unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 3.0


Wenn man schreiben will, gibt es eine ganze Reihe von Hilfsmitteln, die einen weiterbringen können. Grundsätzlich gilt aber, dass einem das beste Tool nichts nutzt, wenn man damit nicht umgehen kann. Entscheidend ist, dass man für sich einen effizienten Arbeitsstil findet, der das Projekt, dass man sich vorgenommen hat, auch wirklich voranbringt.

Insofern ist es eine zweischneidige Sache, wenn man sich an der Arbeitsweise von anderen orientiert (zumindest dann, wenn man versucht, diese Arbeitsweise unhinterfragt zu übernehmen). Was als Strategie für den einen Menschen wunderbar funktioniert, muss für einen Anderen noch lange nicht sinnvoll sein. Die Vorgehensweise eines Anderen einfach zu übernehmen würde bedeuten, den Zeigefinger, der auf den Mond zeigt (die Arbeitsweise), mit dem dem Mond (der Arbeit) selbst zu verwechseln. Trotzdem möchte ich euch  die Arbeitsweise vorstellen, die für mich gut funktioniert. Eigentlich sind es tatsächlich zwei verschiedene Arbeitsweisen, je nachdem, wie lang der Text ist, den ich schreiben möchte.

Kurze Texte, Artikel, Posts.


Wenn ich einen kurzen Artikel oder einen Blog-Post schreibe, beginne ich immer damit, eine rohe Fassung des Textes in eines meiner Notizbücher zu schreiben (von denen ich ja so viele habe, wie jeder weiß, der den Post „Alle Dinge sind leer“ gelesen hat. Dabei geht es nicht darum schon in dieser ersten, handschriftlichen Fassung einen perfekten Text zu schreiben, sondern möglichst schnell alle Gedanken zu Papier zu bringen, die mir zu dem Thema durch den Kopf gehen (kürzen und ordnen kann man auch später noch). Ich könnte natürlich auch einen Texteditor benutzen, weil ich mich durch das Schreiben auf Papier besser auf den Text fokussieren kann und ich das Notizbuch nicht erst hochfahren, mich anmelden und den Editor öffnen muss. Außerdem ist Papier (vor allem, wenn es als Buch gebunden ist) nicht so flüchtig wie elektronische Datenträger - abgesehen von dem Fall, wenn man das Buch abfackelt).

Wenn die erste Rohfassung fertiggestellt ist, produziere ich das Drumherum wie zum Beispiel Bilder, Screenshots, Grafiken, Logos etc. Dann wird das Handgeschriebene in einem schlichten Editor wie Q10 (Abb. 1), Focuswriter  oder Sublime Text (siehe Abb. 2), weil diese eine minimalistische Oberfläche haben, die dem Schreiben nicht im Weg steht.
 
Abb. 1: Der Fullscreen-Editor Q10

Sublime Text schätze ich für das Schreiben längerer Texte, weil ich mit der Minimap schnell durch eine große Textmenge navigieren kann und sehe, wie der Text läuft (zu kurze oder zu lange Absätze etc.).

Abb. 2: Sublime Text 2


Focuswriter benutze ich gerne für Texte, bei denen ich schon ein grobes Layout mit Textauszeichnungen brauche (Abb. 3).

Abb. 3: Focuswriter


Fullscreen-Editoren haben generell den Vorteil, dass man nicht durch irgendwelchen graphischen Firlefanz abgelenkt wird und durch die reduzierte Anzahl an Features die Ladezeit wirklich klein ist. Ein bisschen mag das auch Nostalgie sein, weil die Fullscreen-Editoren mich an meine erste Textverarbeitung auf dem C64 erinnern - man kann das wohl unter Retrofeeling ablegen. Ist der Text dann fertig geschrieben, kopiere ich ihn in den Online-Editor von Blogger und lese das Ganze vor dem Veröffentlichen noch einmal Korrektur.

Längere Arbeiten


Komplexer wird der Arbeitsablauf, wenn es um größere Projekte wie zum Beispiel Bücher geht. Hier beginne ich fast immer damit, auf einem DIN A2-Blatt ein Mindmap (Abb. 4) mit allen Assoziationen, die mir zu dem Thema einfallen, zu zeichnen. Daraus entwickle ich einen Plot / eine Gliederung, der / die mir als weitere Orientierung dient.

Abb. 4: Mindmap für eine Fantasy-Story


Aus meiner Erfahrung als Lektor weiß ich, dass die Manuskripte, die zwar mit Enthusiasmus, aber ohne Plan geschrieben werden, in der Regel die sind, die die größten Probleme verursachen (bis hin zu dem Moment, an dem man im Namen des Autors fasst das ganze Buch neu schreiben müsste, was aber so gut wie nie geschieht, weil solche Manuskripte so gut wie immer nach dem Durchblättern der ersten paar Seiten im Altpapier landen).



Nach dem Plot mache ich mir eine To-Do-Liste. Dazu benutze ich entweder ein paar zusammengeheftete Zettel (absturzsicher!) oder die App Mobislenotes auf meinem Android-Tab (Abb. 5). Dort trage ich ein, welche Punkte ich für mein Projekt abarbeiten muss. Dazu genügt mir eine einfache To-Do-Liste, in der ich Aufgaben und Unteraufgaben eintragen kann. Eine komplexe Projektverwaltung mit Zeit- und Budgetplanung, Ressourcencheck usw. wäre für Ein-Personen-Projekte, wie ich sie mache, auch etwas übertrieben.

Abb. 5: Mobislenotes und ein Zen-to-Done-Timer


Sobald der Plot und die To-Do-Liste stehen, geht es an die Recherche. Dazu nutze ich zunächst die Ressourcen, die ich vor Ort habe, also meine Bücherregale und die Dokumentensammlung auf meinem Rechner sowie meine Notizbücher. Erst dann beginne ich mit der Internet-Recherche, da ich für mich festgestellt habe, dass man, wenn man mit der Internetsuche zuerst anfängt, sich schnell auf der Jagd nach Dokumenten verliert.

Recherche


Indem ich mich auf meinen bestehenden Fundus stütze, kann ich später gezielter nach den Informationen suchen, die  mir noch fehlen. Dabei halte ich mich an folgende Faustregel: E-Books (Epubs und PDFs) und Artikel von Universitäten und Non-Profit-Organisationen sind am ehesten vertrauenswürdig, dann folgen journalistische Angebote wie der Spiegel oder die Zeit, darauf private Websites und schließlich Foren-Einträge und Social-Media-Sites.

Grundsätzlich gilt, dass man sich niemals auf eine Quelle allein stützen kann, wenn man nicht Gefahr laufen will, manipuliert zu werden. Man muss immer gegenchecken, welche Informationen Andere zu diesem Thema bereitstellen und vor allem analysieren, ob das was dort gesagt wird Sinn macht oder nicht. Das ist gute journalistische Praxis und auch für fiktionale Werke nicht schlecht (Abgesehen davon ist ein gesundes Misstrauen auch in allen anderen Lebenssituationen praktisch, wenn man nicht Gefahr laufen will, verarscht zu werden).

Alle Fundstücke, die ich während meiner Recherche finde, werden so schnell wie möglich in passende Kategorien abgelegt. Ausdrucke und Fotokopien landen in Eckspannermappen, die einen festen Platz in meiner für Projekte vorbehaltenen Regalecke bekommen. Fundstellen aus Büchern erhalten eine kurze Notiz auf einem Post-it-Zettel, der an der entsprechenden Stelle eingeklebt wird. Für Ebooks und PDFs nutze ich Calibre (Abb. 6 zur Verwaltung, bzw. um Mobil zu bleiben den Moon+- und den Aldiko-Reader auf dem Tablet (der Tower lässt sich so schlecht auf die Wohnzimmercouch mitnehmen).

Abb. 6: Calibre als Dokumentenverwaltung


Zum Schluss der Recherche schreibe ich mithilfe des Plots ein ausführliches Exposee, in das erste Überlegungen zum Aufbau des Textes und Zitate aus den gesammelten Materialien einfließen. Das ist letztendlich der konkrete Plan, an dem ich mich für den weiteren Ablauf des Schreibprozesses orientiere. Man könnte auch Storyboards zeichen, was ich aber noch nie getan habe, weil sich bis jetzt noch nicht die Gelegenheit dafür ergeben hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Storyboard-Methode für visuell denkende Menschen besser eignet als das abstrakte Planen anhand eines Exposees.

Organisation ist alles


Nachdem ich die Recherche beendet habe, schreibe ich in eine Kladde handschriftlich den ersten Entwurf. dabei geht es nicht darum, gleich beim ersten Mal einen perfekten Text zu schreiben, sondern schnell alle Einfälle zu Papier zu bringen, die mir zu dem Thema kommen. Perfektionismus wäre in diesem Stadium nur schädlich. Man wird schlicht dadurch besser, dass man viel schreibt. Mit jedem neuen Projekt nähert sich der erste Entwurf immer mehr dem Endprodukt (schließlich erwartet man ja auch nicht von Jemanden, der noch nie gelaufen ist, dass er gleich einen Marathon läuft). Wie bei allen Dingen im Leben wird man nur durch ständiges Üben richtig gut.Wenn der erste Entwurf geschrieben ist, wird das ganze Projekt abgetippt und die gröbsten Ungereimtheiten beseitigt. Ist der Text schließlich im Rechner, drucke ich den Text aus und lasse ihn ein bis zwei Tage liegen. Dann erst beginne ich mit dem Korrekturlesen. Anschließend werden die Korrekturen in den Text eingearbeitet und das Ganze einem kompetenten Freund zum Gegenlesen gegeben. Hat dieser das Buch auf Unstimmigkeiten und Fehler abgesucht, pflege ich dessen Anmerkungen in das Manuskript ein. Es ist besonders wichtig, diesen zweiten Schritt einzulegen, da ein Zweitkorrektor die Fehler sieht, die einem selbst nicht mehr auffallen. Anschließend geht das Ganze in den Satz (Ich benutze Scribus für feste Layouts und LibreOffice mit dem Plugin „writer2xhtml“ für Epubs | Abb. 7) in dieser Phase werden auch die Bilder usw. in den Text eingebaut. Ist alles zusammengefügt, wird der Text ein drittes Mal auf Fehler abgesucht, die mir entgangen sein sollten oder durch den Satz entstanden sind (falsche Trennungen, fehlerhafte Absätze, Schusterjungen und Hurenkinder, falsche Formatierungen etc.). Danach sollte der Text auf der formalen Ebene zu 99% fehlerfrei sein, was natürlich niemanden daran hindert, inhaltlich völligen Unsinn zu schreiben.

Abb. 7: Das Plugin Writer2xhtml macht LibreOffice zum Autorensystem für Epubs

(Korrektur-)Lesen hilft!


Man kann sich nun fragen, „Warum der ganze Aufriss mit dem Korrekturlesen? Sind vier Durchläufe nicht zuviel?“ Darauf lässt sich am besten mit einem Sinnspruch antworten:

Eine Kathedrale baut man nicht, indem man ein paar Bretter zusammenzimmert.

Gerade bei einem Buch ist es immens wichtig, dass es korrekturgelesen wird, vor allem dann, wenn man die Absicht hegt, das Manuskript bei einem Verlag unterzubringen. Nur wenn ein Manuskript wirklich sauber ist, hat es überhaupt eine Chance, als veröffentlichungswürdig angesehen zu werden. Der Grund ist einfach: Wenn bei einem Lektor täglich rund fünf Manuskripte im Postfach landen, reisen die Texte, die voller Fehler sind, nach ein oder zwei Blicken direkt in die Ablage P und wer will schon für den Mülleimer schreiben, auch wenn er nur virtuell ist? Man kann jedenfalls nicht darauf hoffen, dass der Lektor beim Lesen die gleiche Inspiration fühlt, die der Autor beim Schreiben empfunden hat.

Das gilt natürlich auch für Bücher, die man selbst herausgibt. Da hier in der Regel keine professionelle Instanz dazwischengeschaltet ist, landen alle Fehler, die man vorher gesehen nicht hat, im fertigen Produkt. Tatsache ist, dass ein Buch, in dem dem Leser die Fehler en Masse entgegenspringen, keine gute Visitenkarte für einen Autor ist. Es ist sicher, dass die Leser ein schlecht gemachtes Buch von diesem Autor kaufen und danach nie wieder eines: Schlamperei bleibt am Autor kleben wie Pech. Es sollte klar sein, dass mit einem schlampig geschriebenen und ohne Korrekturlesen veröffentlichten Buch jede Chance begraben wird, jemals bei einem traditionellen Verlag veröffentlicht zu werden.

Professionell schreiben!


Langer Rede kurzer Sinn: Ganz gleich, was man schreibt, man sollte so professionell wie möglich schreiben. Gut organisiert zu sein ist immens wichtig. Dafür muss man sich die Werkzeuge heraussuchen, die einen bei der Arbeit voranbringen. Korrekturlesen ist Pflicht, vorallem dann, wenn man nicht nur für das eigene Tagebuch schreibt sondern etwas veröffentlichen will, was andere lesen (wollen) sollen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Poesie ist, wenn‘s in den Ohren wehtut




Um euch die Wartezeit bis zur Fertigstellung meines Riesenposts zu verkürzen, gibt es hier eine kurze Randbemerkung über die Dichtkunst (und damit meine ich nicht die Klempnerei):

Neulich habe ich ein altes Notizbuch mit Gedichten wiedergefunden, die ich mit anfang zwanzig geschrieben habe. Nach dem Durchblättern des Buches war mir klar, warum ich das Dichten wieder aufgab. Anbei ein Beispiel:

O.T.

Jeder Baum,
jedes Gesicht
schreit deinen Namen.

Selbst die Stille ist
ein dumpfes Dröhnen.

Da ist nichts,
was die graue Leere
vertriebe,

nichts,
was die Zeit vergessen
machen könnte.

Zwei Stunden können
eine Ewigkeit
sein.

Das ist also einer meiner weniger schlimmen poetischen Ergüsse... Und das ist nur das Stück, dass ich zu zeigen mich getraut habe. Die restlichen „Werke“ sind weitaus schlechter zu ertragen, ganz abgesehen davon, dass alle Zwanzigjährigen offensichtlich schwer von Liebeskummer und Hormonschwankungen gezeichnet zu sein scheinen. Ebenso offensichtlich war ich da keine Ausnahme.

Andere „Poeten“ haben da anscheinend weitaus weniger Skrupel und veröffentlichen fröhlich, was ihnen durch den hirninternen Poesie-Prozessor geflossen ist. Das Ergebnis sieht dann häufig so ähnlich wie dieses hier aus:

Lieber Onkel Theodor,
es kommt mir so vor,
dass wir dich
seit Jahren kennen,
darum wollen wir
deinen Geburtstag
nicht verpennen.

Darum wollen wir
dir sagen,
du sorgst immer gut
für unseren Magen
an diesen großen
Feiertagen.

Desahlb wünschen wir
dir das Beste
und uns noch
viele, viele dolle Feste.

Wer eine größere Familie sein Eigen nennt, wird sicher schon des öfteren das Glück gehabt haben, derartige Dichtkunst von poetisch motivierten Onkeln oder Tanten serviert bekommen zu haben. Im Prinzip ist das auch kein Problem, solange es nicht über den Familienkreis hinauswandert. Als Übung zur Weiterentwicklung sprachlicher Fähigkeiten ist es ja nicht schlecht, wenn man möglichst viel schreibt. Dazu gehört - das liegt nun einmal in der Natur der Sache - viel Schlechtes. Nur sollte man sich vorher gut überlegen, ob etwas tatsächlich veröffentlichungswürdig ist, gerade bei Gedichten. Leider tun das nicht alle.

Das Problem an schlechter Dichtkunst ist nicht, dass sie geschrieben, sondern dass sie veröffentlicht wird.

Wer sich einmal anschauen will, zu was der eigene Computer in Sachen Dichtkunst in der Lage ist, sollte sich einmal das Programm JanusNodes anschauen.

Der Aphorismus des Tages

Arroganz zerstört am Ende immer sich selbst. Die Frage ist nur, wieviele sie mit sich nimmt.

Freitag, 19. Oktober 2012

Nach einer Woche Internet-Abstinenz wieder da!

Hallo zusammen!

Nachdem ich jetzt eine Woche Urlaub sowohl online als auch Offline gemacht habe, melde ich mich wieder zurück. Der nächste Post, dessen Inhalt mehr beinhaltet als "Hallo Leute, ich bin wieder da!" wird noch ein wenig auf sich warten lassen. Ich schreibe gerade an einem verdammt langen Post, in dem ich meinen Workflow für's Schreiben ausbreite. bis ich fertig bin, kann das allerdings noch bis Mitte nächster Woche dauern, je nachdem, wieviel zu erledigende Dinge auf der Arbeit liegengeblieben sind.

Also Leute, schaut rein, es wird ordentlich was zu lesen geben. Ich freue mich auf eure Kommentare!

Euer Georg.

Samstag, 13. Oktober 2012

Klassentreffen: Steh zu deiner Nerdness!


Neulich war ich auf unserem zwanzigjährigen Klassentreffen, was an sich schon ein eigenartiges Erlebnis ist, weil man all diese fremden Leute wiedertrifft, die man irgendwann einmal gekannt hat. Eigenartiger ist jedoch, dass sich die Leute charakterlich nur wenig verändert haben. Sicher (hoffentlich) haben sie in ihrem Leben etwas dazugelernt, aber in ihrem Kern ist keine grosse Änderung aufgetreten - der Klassenclown macht immer noch die selben billigen Spässe, der Charmebolzen versucht immer noch, seinen Charme zu versprühen und auch die Leute, die schon damals ein wenig einfältig waren, reden immer noch das gleiche dumme Zeug wie vor zwanzig Jahren.

Es gibt aber auch zwei Minderheiten, die sich sehr wohl verändert haben: Die (ehemals) Coolen und die Nerds. Wärend viele von denen, die damals cool und angesagt waren, in ihrem Leben nicht viel zustandegebracht haben, sind viele der Nerds im Leben überraschend erfolgreich gewesen. Meine Vermutung ist, dass das damit zusammenhängt, das die Nerds sich in der Zeit, die die anderen damit verbracht haben, cool zu sein, mit ihren seltsamen Hobbys intensiv beschäftigt haben und so eine Fähigkeit für die Zukunft erwerben konnten, die für ein erfolgreiches Leben immens wichtig ist, nämlich, am Ball zu bleiben. Wenn man als Nerd die ersten zwanzig Jahre seines Lebens überstanden hat, dann ist man in der Lage, jede schwierige Lage zu meistern.

Der Schluss, den man daraus ziehen kann, ist, dass es nicht so wichtig ist, dass ihr anderen gefallt, sondern das tut, was euch wirklich etwas bedeutet (oder lasst euch wenigstens von der Arbeit, die ihr machen müsst, um euer Leben zu finanzieren, nicht so viel Zeit und Kraft rauben, dass ihr dieses Leben nicht mehr führen könnt).

Also Leute, hängt euch nicht an das, was andere von euch wollen, findet heraus, was ihr schon immer gewesen seid - Weckt den Nerd in euch!

Wollte ich, ich wäre ein Anderer, dann wäre ich ein Niemand.







Freitag, 12. Oktober 2012

Schiffsdiebe von Paolo Bacigalupi

Wie liest man einen Roman, der in Amerika als Science Fiction für Erwachsene gelesen wird, aber hierzulande eher als Buch für junge Erwachsene gehandelt wird?
Das Buch schafft es, die Lebenswelt der Schiffsbrecher plausibel darzustellen und die Bilder, die wir heute zum Beispiel aus Ländern wie Indien kennen auf ein zukünftiges Nordamerika zu übertragen.
Der Roman hätte wesentlich düsterer ausfallen können, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten zurück und löst so nicht ein, was ich von einem Buch erwarte, das für Erwachsene geschrieben wurde. Insofern erklärt sich die Einstufung der deutschen Übersetzung als «Young Adult Fiction». Das es sich bei der Erzählung um eine Adoleszensgeschichte handelt, ist dem Eindruck, einen Erwachsenenroman vor sich zu haben, ebenfalls nicht dienlich.

Ich will damit nicht sagen, dass der Roman technisch nicht in Ordnung wäre, er ist gut geschrieben, die Handlung entwickelt sich stringent, wenn auch etwas linear (wie von einer klassischen Heldenreise nicht anders zu erwarten). Es ist auch offensichtlich, dass es dem Autoren gelingt, seine Welt plausibel zu gestalten und heutige Tendenzen in die Zukunft zu extrapolieren. Das Problem des Romans liegt vielmehr darin begründet, dass der Autor nicht weit genug in die Tiefe geht. Er nutzt das Potenzial, das die Welt, die er geschaffen hat, bietet, nicht aus.

Man hätte zum Beispiel die Herkunft der Halbmenschen näher beleuchten, ihren Sklavencharakter stärker herausarbeiten können. So hätte sich aus der Figur Tools wesentlich mehr machen lassen als bloß ein mächtiger Beschützer, der schon bald wieder abtritt. Auch der Verrat Sloths an Nailer und dessen Folgen wären ausbaufähig gewesen. Im Prinzip krankt die ganze Erzählung daran, dass sie eben nicht die Abgründe auslotet, die implizit in ihr angelegt sind. Dem Roman hätte insgesamt mehr Raum gegeben werden müssen. Die Folge ist, dass er endet, bevor die Entwicklung tatsächlich in Gang gekommen ist.

Das ist besonders deutlich, wenn es um die Schiffsreise auf dem Klipper geht. Nachdem zwei Drittel der Erzählung für die Flucht aus dem Schiffsbrecherlager in die Stadt verwandt wurden, bleibt nicht mehr viel Zeit, um das Leben auf dem Schiff darzustellen. Hier hätte man an die klassischen (See-)-Reiseerzählungen von der Odyssee bis zu Melvilles Moby Dick anknüpfen können, was aber leider nicht geschehen ist. Nailers Arbeit auf dem Schiff ist ebenfalls schnell und ein wenig oberflächlich abgehandelt.

Schließlich kehrt er mitsamt der Dauntless (das Schiff, dass der Firma des Vaters von Nita gehört) an den Ort zurück,den er am Anfang seiner Reise zurückgelasen hat, um seine Gegner und seinen ihn misshandelnden Vater zu besiegen. Der Roman endet damit, dass ihm und seiner Familie (Freundin + Mutter) die Chance auf ein besseres Leben gewährt wird. -- Bei diesem Erzählablauf handelt es sich um die klassische Reise des Helden, wie sie von Joseph Campell beschrieben wurde: Der Held (Nailer) wird unverschuldet aus seinem alltäglichen Leben gerissen. Er begegnet einem Wesen aus einer anderen Welt (in diesem Falle aus einer kulturell anderen Schicht), das ihn auf eine Reise schickt, er muss Ungeheuer überwinden (seinen Vater und dessen Kumpane), bekommt auf seiner Reise übernatürliche Hilfe (in Form von Tool), muss weitere Hindernisse überwinden und sich in einer Schwellensituation (Übergang zwischen Wasser und Land in einer Stadt die auf Stelzen steht) bewähren, um schließlich mit neuen Fähigkeiten und Gefährten an den Ort seiner Herkunft zurückzukehren, um das Böse zu zerstören und die Ordnung der Dinge wieder herzustellen.

Wer sich bei diesem Ablauf der Handlung an die originale Star Wars-Trilogie erinnert fühlt, liegt nicht falsch, da auch George Lucas sich an den Theorien Campells orientiert hat.
Was nach der Lektüre bleibt, ist das Gefühl, dass man aus dem Grundgerüst der Erzählung mehr hätte machen können, etwas tiefergehendes, komplexeres als das, was nun als Buch vor den Augen des Lesers liegt. Hier wurde offensichtlich eine gute Idee verschenkt und ein Brett gebohrt, das wesentlich dicker hätte sein können, schade!

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Schreibe niemals über die Geschichten, die du liebst!


Ich habe mir irgendwann einmal vorgenommen, niemals einen Sachtext über die Geschichten zu schreiben, die ich liebe.

Warum? – Weil ich denke, dass dabei nichts Gutes herauskommt. Um einen Text analysieren zu können, darf man emotional nicht zu nahe an ihm dran sein, denn dadurch verliert man den objektiven Blick auf die Sache. Man sieht das Ganze erst aus einer gewissen Distanz gut. Ist diese nicht gegeben, so mag man zwar viele verspielte Details erkennen können, was seinen ganz eigenen Reiz haben mag, aber man sieht die Zusammenhänge nicht.

Das ist ähnlich wie in einer Beziehung. Einerseits ist man einander sehr vertraut, andererseits ist man selbst derjenige, der den Partner am schlechtesten beschreiben kann, weil man für die Eigenschaften, die man an diesem liebt, keine Worte findet oder aber ins Schwafeln gerät, was auf's selbe hinauskommt. Oder, um es poetischer auszudrücken:

Tausend Worte sagen soviel wie keines, nämlich nichts.

Das selbe Problem ergibt sich beim Interpretieren von Literatur. Wenn man zu nahe an einem Text ist, dann trübt das den Blick für die Zusammenhänge und führt dazu, dass man schlechte Literaturwissenschaft bzw. Kritik betreibt, die sich entweder in belanglosem Gerede verliert (das sich möglicherweise als postmodern verkaufen lässt), oder aber merkwürdig wortleer bleibt, weil man nicht die passenden Worte findet, die beschreiben könnten, was das spezifisch Besondere dieses einen Textes ausmacht.

Ich denke, dass man an Texte in einer Art herangehen sollte, die - so denke ich - am ehesten der Art und Weise entspricht, in der gute Ärzte ihre Patienten befragen: Mit freundlichem Interesse, aber auf das Ziel gerichtet, die Symptome der zugrundeliegenden Krankheit zu erfassen, um diese behandeln zu können. Für den Text bedeutet das, dass der Analytiker das Funktionieren des Textes aufschlüsseln muss, sehen muss, welche Schreibweisen und Techniken welche Wirkung hervorrufen. Dies bewirkt immer ein besseres Verständnis des Textes, sei es nun, dass es einem zeigt, wie ein guter Text funktioniert oder aber, warum ein schlechter Text scheitert.

Freitag, 5. Oktober 2012

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Weide und Berge (c) G. Sandhoff


Habe mit Kafka am Strand mein erstes Buch von Haruki Murakami gelesen und war sehr positiv überrascht. Normalerweise lese ich nicht gerne Bücher von Autoren, die in Kritikerkreisen hochgelobt werden (Warum soll man auf Menschen hören, die vermutlich selbst gerne Schriftsteller geworden wären, aber niemals ein einziges Buch zustande gebracht haben?), doch Murakamis Stil hat mir sehr gefallen. Das Buch hat eine seltsame Atmosphäre und ist auf den ersten Blick gefällig zu lesen. 

Zunächst scheint es sich um einen typischen Adoleszens-Roman zu handeln, jedoch mischen sich mit dem Fortschreiten der Handlung immer mehr mystische Elemente in die Erzählung. Anfangs alternieren noch die konventionellen und die mystischen Erzählebenen miteinander. Doch zur Mitte des Buches hin beginnnen sich beide Ebenen zu vermischen, bis schließlich die konventionelle Ebene völlig von der mystischen aufgesogen wird. 

Der Roman selbst hat aber nur bedingt etwas mit Kafka zu tun: Wenn man vom Namen einer der Hauptfiguren absieht, hat die Handlung herzlich wenig Verbindungen zum Schriftsteller aus Prag. Auch vom Stil her erinnert mich Kafka am Strand eher an Romane von Paul Auster (der ja ebenfalls mit Kafka verglichen wurde), insbesondere in den Passagen um "Johnny Walker" und "Colonel Sanders" mit ihren eigentümlichen Dialogen, die an Stadt aus Glas oder die anderen Romane der New York Trilogie erinnern. 

Ich möchte jetzt nicht lange über die Handlung des Romans referieren, sondern direkt zu dem Punkt kommen, der mir an Harukis Roman am interessantesten erscheint: Am Schluss der Erzählung gelangt der Protagonist in eine Art Zwischenreich, in dem keine Zeit vergeht, in dem es aber auch keine Veränderungen oder Erinnerungen gibt. Dort kann sich Kafka Tamura nicht weiterentwickeln, weshalb er aus seinem vermeintlichen Paradies flieht und in sein normales Leben zurückkehrt. 

Letztendlich ist dies das Thema von Kafka am Strand: Alle Figuren des Romans sind auf der Suche nach sich selbst, entweder weil sie einen Teil dieses Selbst vor langer Zeit verloren haben oder nicht wussten, was dieses Selbst ausmacht. Sie alle werden durch die Ereignisse dazu gezwungen, sich mit diesem unbekannten Selbst auseinanderzusetzen. 

Dabei besteht zwischen den beiden Ebenen insofern eine Parallele, als das die Hauptfiguren (Kafka Tamura - Frau Saeki; Hoshino - Herr Nakata) als Paare aus einem jungen und einem alten Protagonisten durch die Handlung schreiten. Dabei dienen die Alten als Katalysator für die Entwicklung der Jungen. Sie stoßen durch ihr Handeln die Entwicklung erst an, aus der die Jungen am Ende des Romans als ein anderer hervorgehen. Indem sie ihre Aufgabe erfüllen, zum Abschluss bringen, was sie begonnen haben, eröffnen sie den Jungen erst die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Konsequenter Weise sterben auch Frau Saeki als auch Herr Nakata, nachdem sie wieder »zu sich selbst« gefunden haben und durch das Öffnen des Eingangssteins ihrer verlorengegangene Hälfte wieder integrieren konnten, die ihnen beim ersten Öffnen des Eingangs verlorengegangen war. Durch die Vollendung des Einen wird die Entwicklung des Anderen erst ermöglicht. Das zeigt sich auch am Schluss des Romans, der recht unvermittelt abbricht und den Leser ohne Fazit dastehen lässt, wärend dieser den Aufbruch Kafka Tamuras in ein eigenständiges Leben beobachtet. – Was zu erzählen war, ist erzählt, was getan werden musste getan, es gibt nichts mehr weiter zu berichten. 

Auch die Bibliothek und der Wald haben innerhalb des Gefüges der Erzählung eine Bedeutung. Symbolisch gesehen ist die Bibliothek nicht nur der Ort, an dem man Bücher aufbewahrt, sondern auch ein Ort der Erinnerung bzw. ein Ort, an dem man Erinnerungen aufbewahrt. Für die Komura-Gedächtnis-Bibliothek gilt dies im besonderem Sinne: Sie ist einerseits der Ort, der an die Traditionen der Komuras erinnert, andererseits ist sie der Ort, an dem Frau Saekis Erinnerungen an ihren Geliebten hängen. Und ebenso, wie manchmal alte Erinnerungen an die Oberfläche des Bewustseins treiben, tauchen auch in der Bibliothek Bilder aus der Vergangenheit auf (die fünfzehnjährige Saeki). Der Wald kann dagegen als ein Symbol für das Buch gelesen werden. Ein unbekannter Ort, in den man eintauchen und in dem man sich verirren kann. Ein Ort, an dem man die Zeit vergisst, an dem die Zeit nicht einmal existiert. Insbesondere der Ort im Inneren des Waldes steht dafür, er symbolisiert die Erzählung, deren Ereignisse sich niemals verändern, sooft man das Buch auch aufschlägt. Dort gibt es – kann es keine Veränderung geben. 

Darin liegt auch der Grund verborgen, warum Kafka Tamura in die reale Welt zurückkehren muss. Es gilt, ein ein Leben zu leben, was man nicht kann, wenn man sich in den Seiten eines Buches verliert. Mit dem Ende jedes Buches ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man es beiseitelegen muss, um weiter sein Leben zu leben. Als letztes Indiz dafür mag dienen, dass in dem Ort ohne Zeit eine Bibliothek existiert, in der keine Bücher stehen, ebenso, wie die Bewohner des Ortes keine Erinnerungen haben. Denn in einem Buch selbst können keine Bücher existieren – es gibt sie nur dem Namen nach.