Mittwoch, 13. Februar 2013

Das Gleichnis der blinden Spinne


Eine blinde Spinne saß in ihrem Netz. Sie wusste nicht, wie es dazu gekommen war, dass sie blind war, noch wusste sie, wie sie an den Ort gelangt war, an dem sie sich nun befand. Des Netzes war sie sich gewiss, doch wie sah die Welt um sie aus? Das Netz verlassen wollte sie nicht, denn sonst wäre sie ihres einzigen Halts beraubt.

Sie grübelte einige Zeit lang, dann hatte sie eine Idee. Sie wollte Spinnfäden in jede Richtung auswerfen, auf dass sie an den Dingen in der Welt haften blieben. Gerieten die Fäden in Schwingungen, so wüsste sie, dass da noch etwas außer ihr und dem Netz war.

Zu Anfang gelang es ihr so, viel über die Dinge in der Welt zu erfahren, denn immer, wenn sich die Dinge in der Welt veränderten, sangen die Fäden ein Lied und erzählten der Spinne von der Veränderung. Irgendwann jedoch hatte sie so viele Fäden ausgeworfen, dass diese sich ineinander verwirrten, so dass sie auch dann schwangen, wenn sich die Dinge, mit denen sie in Verbindung stehen sollten, gar nicht rührten. So wurde sie schließlich zur Gefangenen ihrer eigenen, verworrenen Versuche, das Wesen der Welt zu erkennen, eingewebt in einen Kokon, der sie von der Welt trennte und den sie selbst geschaffen hatte.

1 Kommentar:

Susanna Dézsi hat gesagt…

Ein anderes Bild vom Ei der Schlange?
So oder so, es ist wunderschön.