Donnerstag, 24. April 2014

Der Omnibus-Effekt – Teil I

Ein leises Zischen, als sich die Bustür öffnet, ist der Startschuss: Schüler, Frauen mit Kindern, Männer ohne Kinder, Rentner und ältere Damen drängen sich unter Geschubse und Gedränge durch das enge Tor, so als ob ihr Leben davon abhängen würde und ... bleiben stehen. Der Autor – mittendrin – schaut sich um und blickt in die missmutigen Gesichter der unfreiwillig eng aneinander geschmiegten Menge. »So sieht es also aus, wenn man alle Hoffnung fahren lässt...«, denkt er, holt einmal tief Luft und sagt, »'Tschuldigung! Kann ich mal durch? Danke! Verzeihung!« Vorsichtig schiebt er sich zwischen den Menschen hindurch. Dann tritt er in den Mittelgang. Er atmet auf. Nach er Enge der Menschentraube, die sich vor der Tür drängt, erscheint ihm der schmale Gang zwischen den Stuhlreihen fast wie eine Kathedrale.


Was unser Autor gerade erlebt hat, ist ein Beispiel für ein Phänomen, das ich für mich den »Omnibus-Effekt« genannt habe und das nicht nur im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens vorzufinden ist. Oft scheinen die Menschen mit der erstbesten statt der besten Lösung zufrieden zu sein.


Vermutlich hängt das damit zusammen, dass der Aufwand, nach einer besseren Lösung zu suchen, größer ist als der, sich mit der offensichtlichsten Lösung zu begnügen. Beipiele dafür sind zum Beispiel Vorurteile oder der Glaube an einfache Antworten, weil man nicht die Kraft aufbringen mag, einen Schritt weiter zu gehen und sich wirklich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Die Folge ist immer, dass man sich selbst in seinen eigenen Möglichkeiten beschneidet. So erfährt man zum Beispiel nie, dass die dicke Kommilitonin, die alle als fettes, schlampiges Opfer beschimpfen, eine begnadete Sängerin ist, deren Stimme so schön klingt, dass selbst die Engel vor Freude weinen würden.


Bleibt die Frage, was hat das Ganze mit dem Publizieren von Büchern zu tun? Im ersten Teil dieses Posts möchte ich mich zunächst mit der technischen Seite des Problems befassen.


Die technische Ebene


Viele Independent-Bücher sind erschreckend unprofessionell gemacht, obwohl das nicht sein müsste (und ich meine damit nicht einmal den Inhalt). Gerade auf der technischen Ebene bietet das Internet viele und vor allem auch kostenlose Mittel, um ein Buch in einer Qualität zu produzieren, die auf einem Niveau liegt, dass einer Verlagsproduktion nahekommt. An der Kostenfrage kann es also nicht liegen. Woran aber dann?


Tatsache ist, dass zahlreiche Selbstverleger auch für die Printfassung ihrer Bücher schlicht das Textverarbeitungsprogramm nutzen, dass sie auf ihrem Rechner vorfinden (meist ist das irgendeine Fassung von Winword). Auch bei den Schriften wird gerne das verwendet, was man auf seinem Rechner vorfindet, zum Beispiel die Times New Roman oder schlimmer noch die Arial (vorzugsweise in 14 Punkt). Dabei wäre es nicht weiter schwer, mit ein wenig mehr Aufwand Materialien zu finden, die es auch dem Nicht-Profi ermöglichen, Ergebnisse abzuliefern, die sich vor professionellen Produkten nicht zu verstecken brauchen – und das, wie schon gesagt, auch noch kostenlos.


Zum Beispiel gibt es das Open-Source-Layoutprogramm Scribus, das Layouts auf professionellem Niveau ermöglicht und recht einfach zu bedienen ist, sobald man einmal begriffen hat, dass das Programm nicht dazu dient, seine Texte direkt darin zu schreiben, sondern dafür geschaffen wurde, fertige Texte gut aussehen zu lassen.


Dasselbe gilt für Schriftarten. Man muss nicht mehr zig Euro ausgeben, um gute Schriftarten für seine Layouts zu erhalten. Seit einigen Jahren gibt es Open-Source-Schriften, die auch professionellen Anprüchen genügen können. Auch hier gilt, dass man nur wenige Klicks weit suchen muss, um über das Minimum des Möglichen hinauszugehen. Gute Startpunkte für eine Suche sind zum Beispiel die Arkandis Digital Foundry oder die Gust Fonts.


Was aber ist so schlimm an Word als Layoutprogramm oder den Standardschriften? Sieht doch gut aus. Oder?


Gegen Word (und jedes andere Textverarbeitungsprogramm) spricht, dass es ein Textverarbeitungsprogramm ist. Es ist primär dazu geschaffen, Texte zu erfassen und zu speichern. Dass im Laufe der Jahre immer mehr Layoutmöglichkeiten zu den Textverarbeitungen hinzugekommen sind, ändert nichts daran, dass sie ursprünglich nicht dafür ausgelegt waren und auch heute noch nicht wirklich gut darin sind, vernünftige Layouts zu produzieren. Im Vergleich zu Layoutprogrammen wie Scribus hat zum Beispiel Word viel weniger Möglichkeiten, den Text so zu bearbeiten, dass er ästhetisch ansprechend und gut lesbar gestaltet werden kann. Auch die Anordnung von Text auf der Seite ist alles andere als komfortabel (wer schon einmal Textelemente in Textfeldern herumschieben musste, weiß, was ich meine). Außerdem ist Word nicht in der Lage, Text auf ein Layoutraster zu setzen. Man ist also dem Programm mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, was die Anordnung von Text angeht.


Bei den Schriften sollte eigentlich jedem klar sein, warum es nicht gut ist, Schriften wie Times New Roman oder Arial zu verwenden. Einen Roman in Arial zu schreiben, ist eine typographische Todsünde, weil es den Text aussehen lässt wie eine Mitteilung aus der Amtsstube. Von Lesevergnügen kann da keine Rede sein. Und dennoch gibt es zahreiche, auch von größeren Verlagen herausgegebene Bücher, die wenn schon nicht in Arial, so doch in sehr ähnlichen Schriften gesetzt sind.


Die Times, die an und für sich eine gut lesbare und angenehme Schrift ist, hat das Problem, dass sie, da sie millionenfach auf den Computern dieser Welt installiert wurde, auch millionenfach für alle möglichen Texte verwendet wird. Möchtet ihr euer Buch aussehen lassen wie ein x-beliebiges Memo oder eine Germanistik-Hausarbeit über die Auswirkungen von Kafkas Typhuserkrankung auf die Gestaltung des Briefes an den Vater? Ich jedenfalls denke, dass das nicht sein muss. Es gibt Alternativen. Man muss sie nur nutzen.


Soweit für heute zur technischen Ebene. Nächste Woche gibt es Teil zwei, in dem es um die Inhaltliche und organisatorische Ebene des Schreibens geht.


Ich freue mich auf eure Kommentare, die ihr unten in der Kommentarzeile oder auf Facebook und Google + hinterlassen könnt.

Kommentare:

Joerg Stoever hat gesagt…

Ich habe die Omnibus-Geschichte nicht verstanden. Was ist denn da die schlechte Loesung ? Mit dem Bus zu fahren ?

Georg Sandhoff hat gesagt…

Nein, mit dem Bus zu fahren ist nicht das Problem. Es geht darum, dass alle direkt hinter der Tür stehen bleiben, obwohl sie mit wenig Aufwand im Gang einen besseren Platz hätten finden können.

Anonym hat gesagt…

Der Omnibus-Effekt - dieses auffällige Zusammenballen an der Tür und das sehr zögerliche Ausbreiten entlang des Ganges - ist der Beobachtung geschuldet, dass man ja auch wieder aussteigen will und sich dann jeden Meter zurück an die Tür kämpfen muss. Was in einem vollen Bus (oder einer Straßenbahn) problemlos dazu führt, dass man erst eine Haltestelle später das Fahrzeug verlassen kann. Wer dann auch noch auf die Frage "'Tschuldigung, ich muss hier aussteigen, könnten Sie mich wohl durchlassen?" die Antwort hörte: "Das ist ja wohl nicht MEIN Problem!" - der wird in Zukunft wie angewurzelt an der Tür stehen bleiben.

Georg Sandhoff hat gesagt…

LiebEr Anonym,

Ich denke hier kommt es, wie Heidi Klum sagen würde, auf die richtige Attitude an. Es kommt immer darauf an, wie man 'Tschuldigung' sagt. Nach einigen Jahren Übung sollte es kein Problem mehr sein, unmissverständlich klar zu machen, das man gehen wird, ganz gleich, ob die Leute Platz machen wollen oder nicht. Man muss nur gehen, weiter nichts.