Sonntag, 17. Juli 2016

SCHNAPP. SIE. DIR. ALLE !!! - Kinderkultur und Marketing

 
 
Warum sich als Autor und Literaturblogger mit einem japanischen Computerspiel und der dazugehörigen Zeichentrickserie befassen? Diese Frage könnte man sich stellen, wenn man vom üblichen Klischee ausgeht. Viele würden sogar sagen, dass beides mit Literatur nichts zu tun hat. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass die Pokémon jenseits der Bereiche „guter“ Kinderliteratur über Jahre das Spiel, Rezeptions- und Konsumverhalten zahlreicher Jugendlicher nachhaltig geprägt haben und nun in der Vorstellungswelt der Kinder verankert sind. Grund genug, sich die mit Beidem auseinander zu setzen.

Es wäre auch falsch, die Pokémon so ohne weiteres als „Schund“ abzutun, denn auch wenn sie pädagogisch zweifelhaft sein mögen, kann man ihnen nicht absprechen, dass sie ein geschickt gemachtes Instrument zur Vermarktung eines Produktes sind. Indem der gesamte Pokémon-Komplex alle Bereiche der Lebenswelt seiner jugendlichen Konsumenten (und nicht nur diesen) mit Computerspielen, Fernsehserien und Merchandisingartikeln durchsetzt, bleibt diesen kaum eine Chance, sich ihm zu entziehen - eine Wirkung, die ein schnell und oberflächlich hingeworfenes Konzept niemals hätte erreichen können.

Die Pokémon entstanden Mitte der 90er Jahre 1 als Computerspiel für den Gameboy 2 der Firma Nintendo und können in gewisser Hinsicht als Nachfolger des Tamagotchis 3 betrachtet werden, wobei sich ihr Name aus dem englischen “Pocket” und “Monster” zusammensetzt 4. Erste Konzeptionen zu diesem Spiel wurden im Jahre 1990 entworfen und über einen Zeitraum von sechs Jahren entwickelt, wobei sich der Erfinder des Spiels, Satoshi Tajiri, von der Idee eines Grillenkampfes inspirieren ließ 5. In Deutschland (wie auch in anderen Ländern) wurde die Vermarktung der Pokémon durch eine massive Marketingkampagne eingeleitet, die sukzessive die jugendliche Kundschaft auf das zu kaufende Spiel vorbereitete. Bevor dieses überhaupt erhältlich war (im Jahr 1999) 6, strahlte der Privatsender RTL II die gleichnamige Zeichentrickserie aus, in der anhand eines Protagonisten namens „Ash“ der Spielverlauf erzählerisch dargestellt wurde 7. Erst dann folgte die Lancierung des Spieles auf dem Markt einschließlich der dazugehörigen Merchandisingartikel wie z. B. Stofftiere, Kugelschreiber, Blöcke, Tassen usw. Später wurde die Palette der Pokémon-Spiele um die sog. “Editionen” enreitert, die dasselbe Spiel mit anderem Figurenbestand darstellten. Von Anfang an wurden pro Edition zwei leicht verschiedene Versionen des Spiels ausgegeben, deren Figuren via Datentransfer von einer zur anderen Spielkonsole übertragen werden konnten. Die marketingtechnische Verbindung eines Computerspiels mit Merchandisingartikeln, Comic-Büchern (Mangas) und Zeichentrickserien (Anime) entspricht der üblichen Vorgehensweise der japanischen Spiele- und Medienindustrie. Sowohl werden Manga und Anime in Computerspiele als auch Computerspiele in Manga und Anime umgesetzt, wobei die Pokémon hier keine Ausnahme bilden 8. Jean-Marie Bouissou schreibt hierzu :
»The japanese pop culture industry recreated on a worldwide scale the process that led to its enduring process at home, trough the marketing of licensed goods, videos and plastic toys en masse. Since the bulk of profit comes from these goods, manga and TV-Series can be sold at almost no profit. Their Function is not to make big money, but to open the way to licensed goods. […] Manga help to ascertain the taste of the consumers, then are used as trendsetters. They bring only a meager profit, but are unvaluable tools for merchandizing and advertizing. TV-Series provide hours and hours of free advertizing.« 9

Bindungsstrategien

Das Konzept der Pokémon (Spiel und Serie) stellt eine geschickte Verbindung zwischen verschiedenen menschlichen Bedürfnissen her, um auf diese Weise das zu verkaufende Produkt an das Kind zu bringen.

Da wäre zunächst der Wunsch nach einem Gefährten, mit dem man spielen kann und für den man - in einem gewissen Rahmen natürlich - verantwortlich ist. Dieser Aspekt, den man auch den Pflegeaspekt nennen könnte, ist vom Tamagotchi übernommen. Es geht aber nicht nur darum, sich um seinen Spielgefährten zu kümmern. Als „Trainer“ hat man die Macht, über die Entwicklung und Fähigkeiten seines Pokémons zu bestimmen. Letztendlich wird Pflege auf Dressur bzw. Training reduziert und mit Macht gleichgesetzt.

Als zweites Bedürfnis kommt der Sammeltrieb ins Spiel, der im Untertitel der Serie aufscheint: “Schnapp sie dir alle”. Er dient im Wesentlichen dazu, die Motivation zum Spielen aufrecht zu erhalten. Gestützt wird dies durch die Möglichkeit, Pokémon-Daten auszutauschen. Ähnliches geschieht im Falle der Sammelkarten, die Spiel- und Sammeltrieb in einem Produkt befriedigen und so gewissermaßen ihr eigenes Merchandising betreiben, da sie den Bedarf nach neuen Karten ständig neu anfachen (Eine Eigenschaft dieser Spiele, die man als ethisch fragwürdig ansehen kann, weil sie die Spieler in ein Abhängigkeitsverhältnis setzt, aber dafür ökonomisch um so effizienter ist.).

Das dritte Bedürfnis ist das Verlangen nach Wettstreit. Indem man sein Pokémon gegen andere Pokémon antreten lässt, kann man feststellen, ob man das Spiel beherrscht - also ein guter Trainer ist oder nicht. Auch hier wird durch die Möglichkeit, gegen einen Freund zu spielen, die Bindung an das Spiel verstärkt.
Indem man nun die oben genannten Bedürfnisse in einem Produkt miteinander vereint, bietet sich für das Marketing eine Vielzahl von Möglichkeiten, den kindlichen Kunden an das Produkt zu binden. Das Bedürfnis nach einem Gefährten, der im Falle der Pokémon auch noch pflegeleicht ist und abgestellt werden kann (was sehr bequem ist), wenn man keine Lust auf ihn hat, erzeugt eine emotionale Bindung an das Spiel, die nicht übersehen werden darf. Nicht umsonst ist Pikachu eines der Haupt-Pokémon innerhalb der Serie, obwohl Pokémon vom Pikachu-Typ spieltechnisch gesehen allenfalls als durchschnittlich effiziente Spielfiguren anzusehen sind. Kubo Masakazu, verantwortlich für das Marketing der Pokémon-Filme, erklärt dies folgendermaßen:
»I believe that Pokémon’s success owes largely to our having placed Pikachu in a leading role. As people who have played any of the Game Boy versions of Pokémon know, this character is of little use in the video game; but it was just right for starring in the anime. First, it is cute enough to attract just about any woman, thanks to a winning character design. Second, the coloring is excellent. Yellow really stands out to the human eye; it is one of the three primary colors and also one of the traffic-light colors. On a traffic light, yellow signifies caution. The meanings of these signals are something that has been imprinted in people’s unconscious minds, so yellow and red characters are attention-getting. Yellow is better than red, moreover, because there are very few competitors of that color. The only other famous yellow character that l can think of is Winnie-the-Pooh, which means that when people see Pikachü from a distance, they could mistake it for Pooh but for no other character. This is very important in terms of easy recognition« 10
Aufgabe der Serie ist es nun, den Kindern anhand einer protoypischen Figur zu vermitteln, wie man das Spiel “richtig” spielt. Die prototypische Figur führt vor, wie man die verschiedenen Spielfiguren geschickt einsetzt, schafft die Illusion einer Welt um das Spiel, die dieses allein nicht erzeugen könnte. Die Pokémon bilden in dieser Welt eine Art materieller Schutzgeister, deren Fähigkeiten den Protagonisten vor den Gefahren seiner Welt schützen.

Zudem baut die Serie ein Wertesystem auf, welches die Welt des Spiels organisiert und erläutert. Neben der simplen Differenz zwischen Gut und Böse, die durch Ash samt Begleitern und seinen Gegnern vom Team Rocket aufgespannt wird (wobei der Unterschied nicht wirklich klar herauszukristallisieren ist, bleiben doch „Gut“ und „Böse“ seltsam leer), könnte man die Arenaleiter und Dr. Eich als Repräsentanten der Erwachsenenwelt ansehen, die aber nur am Rande der Handlung eine Rolle als limitierendes Element oder Ratgeber spielen. Indem die Welt der Pokémon im Wesentlichen eine Welt der Kinder und Jugendlichen ist, erleichtert sie die Identifikation der Kinder mit ihren „Helden“ 11.

Die Verschmelzung von Unterhaltung und Marketing

Die Pokémon-Zeichentrickserie ist - obwohl erzählerisch simpel - im Zusammenspiel mit dem zugrunde liegenden Spiel und den diversen Merchandisingartikeln ein effizientes Werkzeug zur Vermarktung eines Produkt- Komplexes. Sie bietet dem Produzenten des Spiels regelmäßige, kostenlose Werbung, die zudem in harmloser Gestalt daherkommt, so dass ihr Werbecharakter für die Rezipienten nicht offensichtlich ist. Hierbei kommt der simplen und sich ständig wiederholenden Erzählweise die Bedeutung zu, die Werte und Inhalte des Spieles zu transportieren, um die Kinder auf das zu kaufende Spiel einzustimmen.

Sie illustriert die dem Spiel zugrunde liegenden Prinzipien des Trainierens, Sammelns und Wettstreitens und gibt ihm einen Hintergrund, den das Spiel alleine nicht erreichen könnte. Dabei ist es wichtig, zwischen animespezifischen und nur für die Pokémon charakteristischen Stilelementen zu differenzieren, will man verstehen, wie die Serie aufgebaut ist. Erst wenn man klar erkennen kann, was über den Merchandising-Charakter der Serie hinausweist, ist man in der Lage, in ihr mehr zu sehen als ein schrilles Spektakel zur Beeinflussung von Kindern. Erst dann kann verstehen, warum die Pokemon seit fast dreizig Jahren erfolgreich sein können.

Im Folgeartikel wird es eine kleine Einführung in die Welt der Mangas und Animes geben.

  1. 1996. vgl. umw.characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm↩
  2. Ein kleines, tragbares Videospielgerät.↩
  3. Das Tamagotchi könnte man als elektronisches Haustierbezeichnen, welches in Form eines kleinen, eiförmigen Videospiels daherkommt. Das Tamagotchi entwickelt ähnlich wie ein echtes Haustier nach seiner Aktivierung ein programmiertes Eigenleben mit Bedürfnissen (z. B. Hunger) und Eigenheiten (es kann z. B. brav oder ungezogen sein). je nach dem, wie man sein Tamagotchi erzieht, entwickelt es sich zu einem guten oder bösen Tier, wobei die jeweilige Entwicklung an einem kleinen LCD-BiIdschirm zu sehen ist (in Form eines kleinen Cartoon-Tieres).↩
  4. ln einer anderen Variante leitet sich Pokémon aus dem japanischen Poketto Monster ab, was ebenfalls soviel wie „Taschen Monster“ bedeutet. vgl. www.characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm.↩
  5. vgl. characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm.↩
  6. vgl. Retter, Hein:, „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz - Zum Wandel des Spiels in der gegenwärtigen Gesellschaft“, Abschnitt 4, Tübingen 20m; http://umwtu-bsde/institute/allg-paedagogik/kinderspiel.htm. (lm Folgenden zitiert als „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz“.).↩
  7. Der Pokémon-Serie war übrigens ein immenser Erfolg zu eigen, wie folgendes Zitat belegen mag: „In order to first categorise the use quantitatively here is a GfK ratings data sheet for Germany. ln the first half of 2000 over one million watched the programme that was transmitted at 2.45pm every day. The age structure, i.e. the age groups over which the viewers are distributed, shows that it is chiefly children who watch the programme. Pokémon appeals to boys and girls, rather more boys watching it. The market share, ie the figure that indicates what percentage of the respective age groups had their television sets switched on for this programme, indicates the enormous success of the programme, especially in the group of the 6-9-year-olds.« (AGF/GfK PC#TV; IP Deutschland). Götz, Maya:, „What fascinates children about Pokémon?“; Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZl); München 2001.↩
  8. Sie sind - nebenbei gesprochen - ein Beispiel für den ersten Fall (Computer zu Film und Comic).↩
  9. Bouissou, Jean-Marie: »Manga goes global«, Abs. 1-4, www.ceri-sciencespo.com/archive/avrilOO/artimb.htm↩
  10. Er erwähnt übrigens zuvor, dass Pikachu nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mütter attraktiv sein sollte. vgl. Kubo Masakazu:, “Why Pokémon Was Successful in America”; http://www.japanecho.co.jp/docs/html/270217.html↩
  11. Hein Ritter schreibt hierzu: »Die emotionale Bindung des Kindes an die Produkte geschieht durch Identifikation. Durch Identifikation des Jungen etwa mit den superstarken Power Rangers, den Serienhelden von Fernsehfilmen, mit starken und damit wertvollen Pokemons erfolgen tiefgreifende Prägungen der Konsumbedürfnisse; die ldentifikationsfiguren werden durch Film, Comic, Computerspiel, Tonkassetten und Figuren auf vielfache Weise im Wertbewussts ein der Kinder verankert«. vgl. Retter, Heim, „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz“, Abschnitt 4, Tübingen 2000.↩

Freitag, 24. Juni 2016

Nicht nur für Neo: Lesungen im Cyberspace



Jeder Self Publisher oder Kleinautor, der nicht nur für sich selbst im stillen Kämmerlein schreiben will, hat früher oder später das Problem, dass er seine Texte dem Publikum näher bringen muss. Es über Facebook zu versuchen, ist ein naheliegender Weg. Sich um Lesungen in Cafés und anderen Lokalitäten zu bemühen ein anderer. Lesungen sind zudem lokal begrenzt und nicht jeder Bekannte aus den sozialen Medien kann die mitunter weiten Wege auf sich nehmen, um an einer solchenteilzunehmen. Thorsten Küper und seine Frau Kirsten Riehl haben dafür eine Lösung gefunden: Virtuelle Lesungen im Second Life. Im Interview verraten sie, wie es dazu gekommen ist und was den besonderen Reiz von Lesungen im Second Life ausmacht.

LF: Hallo Thorsten, hallo Kirsten, ihr macht nun schon lange virtuelle Lesungen auf der Plattform Second Life. was hat euch ursprünglich dazu veranlasst, diesen Weg zu gehen? 

Kirsten: Ich habe irgendwann ­ mehr zufällig als bewusst ausgewählt ­ Second Life entdeckt und war sehr fasziniert von der virtuellen Welt. Nach einer Weile hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich die Möglichkeiten ausgereizt hätte und war kurz davor, dieser Welt wieder den Rücken zu kehren. Da habe ich mich auf die Suche nach Lesungen gemacht, weil ich dachte, dass Second Life dafür die ideale Plattform wäre und ich mir nicht vorstellen konnte, dass es das (noch) nicht gibt. Was soll ich sagen? Es gab keine deutschsprachigen Lesungen! Das war die Geburtsstunde der Literaturgruppe Brennende Buchstaben.

Thorsten: Mich hat zunächst fasziniert, welche Möglichkeiten SL Musikern und DJs bietet. Dabei habe ich mich sofort gefragt, wie sich das alles für Autoren nutzen lässt, die aus ihren Büchern lesen wollen.  

LF: Könnt ihr kurz beschreiben, was für euch das Besondere an Second Life ausmacht?

Thorsten: SL und vergleichbare Plattformen faszinieren mich, weil sie genau das sind, was ich mir seit den frühen C64 Zeiten gewünscht habe. Begehbare virtuelle Welten, in denen man auf Nutzer aus der ganzen Welt treffen kann. Noch dazu kann ich selbst einen eigenen Teil dieser Welt gestalten und das genau auf meine Wünsche zugeschnitten. Noch dazu kann ich mit anderen Bewohnern zusammen arbeiten und wir können gemeinsame Projekte entwickeln.  

Kirsten: Sich mit der ganzen Welt verbinden. Freundschaften schließen über geografische Grenzen hinweg.

LF: Was macht für euch den spezifischen Reiz von virtuellen Lesungen aus?

Kirsten: Wir können die Lesungen ausschmücken wie eine Theaterbühne und das immersive Erlebnis ist größer als bei einer Buchlesung im herkömmlichen Sinne, wo ich nur den Autor und sein Buch anstarren kann. In Second Life kann man Räume, Landschaften, ganze Szenerien nachbauen passend zur Geschichte.

Thorsten: Zwei Autoren, der eine in Wien, der andere im Ruhrpott können gemeinsam lesen und das 
vor einem Publikum aus ganz Deutschland, Österreich oder der Schweiz und am selben Abend kann auch noch eine Kollegin auftreten, die auf den kanarischen Inseln lebt. Das alles wäre im realen Raum nicht realisierbar. Noch dazu kann jedes denkbare Bühnenbild geschaffen werden. Von der historischen Ruine über eine futuristische Großstadt bis zur Raumstation ist alles möglich.  

LF: Seht ihr Unterschiede zu Lesungen im realen Leben?  Was macht für euch den Unterschied aus?

Kirsten: Es ist viel einfacher, sich zu Lesungen zu treffen und Schriftsteller/innen und Publikum zusammen zu bringen, weil wir im virtuelllen Raum unabhängiger sind von Entfernungen und Mobilität.

Thorsten: Einige Vorleser sind zunächst skeptisch, weil sie glauben, dass eine virtuelle Lesung zu abstrakt ist und der Kontakt zum Publikum fehlt. Als erstes stellt sich dann das Lampenfieber ein. Es ist dasselbe wie bei einem echten Auftritt. Dann machen sie selbst die Erfahrung, dass die Anwesenheit des Publikums spürbar ist und dass das Feedback genau so intensiv sein kann, wie bei einer Lesung auf Messen, Cons oder anderen Veranstaltungen. Die meisten sind überrascht darüber, wie sehr die Zuhörer mitgehen und sich bemühen, den Autor auch wissen zu lassen, sie ihm tatsächlich zu hören. Noch dazu können die Gäste nachher selbst per Mikrofon Fragen stellen oder Kommentare abgeben. Ich selbst habe "Echte" Lesungen erlebt, bei denen das Publiukum viel hölzerner reagiert hat, als Avatarzuhörer im Metaversum.  

LF: Lesungen, die nicht im virtuellen Raum stattfinden, sind oft nur mäßig besucht. Wie sieht das im Second Life aus?* 

Thorsten: Das kann uns natürlich auch hier passieren, allerdings sind es erfahrungsgemäß meistens zwischen 20 und 25 Zuhörer. Oft auch mehr. Der Spitzenwert beim BB E­Book Event 2016 lag bei 40 Zuhörern. Den absoluten Rekord hält Anja Bagus mit 50 Gästen bei einer Halloween Lesung.  

Kirsten: Am Anfang, als wir noch nicht so bekannt waren, erging es uns ähnlich. Da haben wir um jeden Zuhörer gekämpft. Mittlerweile besuchen im Schnitt 25 bis 30 Avatare eine Lesung, und manchmal sitzt vor dem Bildschirm eines Avatars auch mehr als eine Person.
 
LF: Wie schätzt ihr euer Publikum ein? Ist es engagierter als das übliche Publikum?*

Thorsten: Ob sie engagierter sind als andere Zuhörer kann ich nicht beurteilen. Was mir auf Cons auffällt ­ also im Bereich der Fantastik ­ ist eine gewisse Trägheit der Fans. Da bleiben Lesungen unbesucht, während man sich auf den Gängen oder an der Theke tummelt und die eigentlichen Programmpunkte ignoriert. Das kann man natürlich schlecht mit einer virtuellen Lesung vergleichen. Unsere Zuhörer erscheinen regelmäßig. sie kostümieren sich passend,  sie unterstützen uns bei der Werbung, bringen Freunde mit, schreiben sogar längere Blogpostings über Lesungen. Sie haben offensichtlich Spaß daran und sie erscheinen aus Interesse, nicht nur um höflich zu sein. 

Kirsten: Ja ich denke schon. Wir haben etliche Besucher/innen, die nicht nur rezipieren, sondern auch aktive Unterstützung anbieten. Es ist ja mit dem Einladen des Autors nicht getan. Hinzu kommt die Werbung, und wir sind darauf angewiesen, dass die wiederum in den sozialen Netzwerken geteilt wird. Dann haben wir Leute, die gut darin sind, Bilder von den Lesungen zu machen, andere bloggen über die Events und erhöhen so den Bekanntheitgrad. Nicht zu vergessen sind die Leute, die die Kulissen bauen. Da entstehen richtige Kunstwerke. Es steckt Herzblut drin.


LF: Was macht euer Projekt einzigartig und gibt es Konkurrenzprojekte?

 Kirsten: Nein Konkurrenz haben wir nicht. Nicht, weil wir die Einzigen wären, die Lesungen machen würden, das machen Andere auch, sondern weil ich das nicht als Konkurrenz bezeichne. Uns wird nichts weggenommen, wenn andere auch Lesungen anbieten. Wir haben Freunde, die unsere Lesungen besuchen und selber auch Lesungen anbieten. Lesungen haben keinen Abnutzungseffekt wie Sahnetorte ­ wenn man die aufgegessen hat, ist sie weg.

Thorsten: Es gibt verschiedene Venues in SL, die ebenfalls Lesungen anbieten. Samiraa Addersteins Yúcale Coffee Gallery, BukToms Pegasus Bibliothek, das SL Planetarium von Bastian Barbosa oder Clairediluna Chevaliers SL Stuttgart . Wir stehen aber nicht in Konkurrenz, wir basteln meistens an gemeinsamen Projekten. Und ein Autor, dem es Spaß gemacht hat, bei uns vorzulesen, wird das natürlich auch gern für andere Gastgeber tun.  

LF: Wenn ihr den Lesern einen Tipp in Bezug auf das Autor­Sein geben solltet, welcher wäre das?

Thorsten: Sieh zu, dass du dafür Geld bekommst.  

Kirsten: Hm, da fällt mir nichts ein. "Habe Talent zum Schreiben!" ­ ist das ein brauchbarer Tipp?
  
Thorsten, Kirsten, ich danke euch für das Gespräch.  

Montag, 30. Mai 2016

Selbstpubliziert und kleinverlegt: Eine Community für Kleinverlage, deren Autoren und Selfpublisher








 
Claudia Klaedkte, deren Blog Literasophie ich sehr schätze, weil es tiefer als die üblichen Buchblogs geht, hat sich Gedanken darum gemacht, wie man Self Publishern und Autoren aus Kleinverlagen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen kann. Aus diesem Grund hat Claudia die Website „Selbstpubliziert und kleinverlegt“ ins Leben gerufen, mit der sie diesen Autoren eine Plattform bieten will. Im folgenden Post wird sie ihr Projekt vorstellen. 

Selfpublisher und Autoren, die bei kleinen Verlagen unter Vertrag sind, sitzen in mancherlei Hinsicht im selben Boot. Ihre Bücher finden selten einen Platz in einer Buchhandlung, und auch in Sachen Werbung ist Eigeninitiative gefragt. Daher möchte ich beiden Gruppen sowie kleinen Verlagen eine Plattform bieten.

Viele Autoren tun sich schwer damit, eine eigene Website aufzubauen, möchten sich aber gerne im Internet präsentieren. Jenen, die ihre Bücher entweder in einem kleinen Verlag oder als Selfpublisher veröffentlichen, bietet „Selbstpubliziert und kleinverlegt“ die Möglichkeit, eine Autorenseite sowie Buchseiten anzulegen. Auch für Kleinverlage gibt es eine entsprechende Rubrik. Wer möchte, kann auch Artikel für den dazugehörigen Blog verfassen. Das Projekt ist noch recht jung, die ersten Autoren- und Verlagsseiten sind aber bereits online. Ausführliche Anleitungen erleichtern den Einstieg für jene, für die das Gestalten einer Webseite völliges Neuland ist. Sollte es dennoch Probleme geben, gibt es im Forum eine eigene Rubrik für technische Fragen.

Jeder, der sich für gute Bücher jenseits der großen Publikumsverlage interessiert, kann sich registrieren. Danach besteht zunächst nur Zugriff auf das Forum, in dem sich Autoren, Verleger und Leser nach Herzenslust austauschen können. Für die Erstellung von eigenen Seiten oder Blogartikeln ist eine zusätzliche Freischaltung nötig, eine kurze Nachricht genügt. Alle Beiträge werden vor der Veröffentlichung überprüft und so zeitnah wie möglich freigeschaltet.

Mit dieser Website möchte ich Autoren und Kleinverlagen eine Plattform bieten, um sich und ihre Werke zu präsentieren und sich untereinander und mit interessierten Lesern auszutauschen. Der Grundstein dafür ist gelegt.

Auf selbstpubliziert.de könnt ihr euch die Plattform selbst angucken.

Claudias  persönlichen Blog findet ihr unter literasophie.de