Samstag, 8. März 2014

Lesen kann doch jeder…



Die Frage, ob man einen Lektor braucht oder nicht, wird in Selfpublisherkreisen immer wieder kontrovers diskutiert. Zwischen ‘Du musst auf jeden Fall einen Lektor drüber schauen lassen’ bis zu ‘Das sind doch alles Betrüger, die einem für was Geld aus der Tasche ziehen, was jeder kann’ kann man zu diesem Thema fast jede mögliche Meinung finden. Tatsächlich gibt es aber jenseits aller Ressentiments einige manifeste Probleme, die die Zusammenarbeit zwischen Lektoren und Selfpublishern erschweren. Vor kurzem habe ich dazu in einer Facebookdiskussion Folgendes geschrieben:

“Ein generelles Problem liegt zum Beispiel für Lektoren darin, dass es zwar mit den Selfpublishern einen potentiell großen Markt gäbe, diese aber sich angemessene Preise nicht leisten können (Vorausgesetzt, die Dienstleistung ist in Ordnung). In anbetracht der Tatsache, dass sich bei den meisten selbstverlegten Büchern die Reichweite maximal im sehr niedrigen dreistelligen Bereich bewegen dürfte, ist ein ernsthaftes Lektorat finanziell nicht darstellbar. Selbst wenn man den Minimalpreis von 3 € ansetzt, ist man für ein durchschnittliches Buch von 300 Seiten schon bei einem Preis von 900 €, und die muss man erst einmal verdienen. Also entweder man hat Glück, und trifft einen Lektor, der nebenher solche Texte liest (quasi als Ausgleich) oder man muss improvisieren.”

Dasselbe Problem gilt in ähnlicher Weise auch für Kleinverlage, die meistens finanziell nur unwesentlich besser ausgestattet sind. Und selbst die etablierten Verlage sparen sich ein Lektorat aus Kostengründen immer öfter, wenn das Buch nicht gerade ein Prestigeobjekt ist.

Sind drei Euro nicht zuviel für ein bisschen lesen?


Jetzt kommen wir zu dem Teil, von dem viele denken, das kann doch jeder! Was tut ein Lektor denn anderes, als einmal über den Text zu lesen, ein paar Fehler herauszuholen und das war’s dann? Tatsächlich ist es so, dass das Finden von Fehlern nur ein kleiner Teil der Arbeit eines Lektors ist. Und selbst hier ließt ein Lektor anders als ein gewöhnlicher Leser: Wärend man im Alltag dazu neigt, nicht allzu offensichtliche Fehler einfach zu überlesen, ist ein Lektor, der diese Bezeichnung verdient, durch lange Erfahrung darauf getrimmt, bei der Fehlersuche weniger in Sinnzusammenhängen zu lesen, sondern vielmehr Wort für Wort einzeln zu erfassen, wobei er zugleich auf die Struktur des Satzes achtet. Das Ganze ist ein Akt höchster Konzentration.

Außerdem gibt es typische Fehler, die von vielen Autoren immer wieder gemacht werden. Bei mir ist es nach dreizehn Jahren im Verlag inzwischen so, dass ich an nichts Geschriebenem mehr vorbeigehen kann, ohne sofort die Fehler zu sehen, die in dem Textstück gemacht wurden, was etwas peinlich ist, wenn man z. B. mitten auf dem Supermarktparkplatz vor dem Werbeplakat stehen bleibt und laut ausruft, ‘O Gott, was machen die für einen Scheiß!’ (Anders herum ist es bei mir so, dass ich in meinen eigenen Texten meine typischen Fehler nicht mehr sehe, weshalb ich nie auf meine Betaleser verzichten würde, obwohl ich das Korrekturlesen zu meiner Profession erhoben habe)

Mit der Fehlersuche ist die Arbeit eines Lektors noch nicht vorbei. Ein guter Lektor unterstützt den Autoren darin, das Beste aus seinem Text herauszuholen (Ich weiß, dass das manche Kollegen anders sehen). Seine Aufgabe ist, den Autoren zu beraten, ihm Stellen aufzuzeigen, an denen vielleicht etwas überarbeitet oder weggestrichen werden muss. Oder es geht darum, eine Stelle zu entwirren, bzw. konsistenter zu machen. Dabei sollte ein guter Lektor keine Vorschriften machen, sondern Vorschläge, denn es geht nicht darum, dem Autor die richtige Schreibweise aufzudrängen, sondern mit dem Autoren gemeinsam den Text zu verbessern.

Das kann dann auch schon mal soweit gehen, dass man krumme Sätze geraderückt, sofern sich der Autor davon überzeugen lässen, oder auch soweit, dass man seinem Kunden erklären muss, warum die fi-Ligatur ein typographisches Feature ist und kein Fehler. Im schlimmsten Fall wird man zum Ghostwriter, wenn der Text einfach zu schlecht ist, als dass man auf andere Weise noch etwas retten könnte (Dabei handelt es sich aber eher um ein Problem angestellter Lektoren, alle anderen können so etwas ja schon im Vorfeld ablehnen).

Ein Lektor, der seine Arbeit ernst nimmt, hat also neben seinen Korrekturfähigkeiten auch immer ein wenig von einem Berater, Psychologen und auch von einem Erzieher an sich. Er sollte in der Lage sein, dass Buch für seinen Autor mit zu schreiben und sein eigenes Profilierungsbedürfnis hintenan zu stellen. – Und schließlich: Für einen Besuch beim Coach zahlt man auch 75 € die Stunde.

Was meint ihr, welcher Preis ist für ein Lektorat angemessen? Schreibt es mir unten in der Kommentarzeile, auf Google Plus oder auf Facebook!

Kommentare:

Sebastian hat gesagt…

Ein Lektorat ist gleich das wichtigste, aber es ist nur die letzte Stufe auf der Buch-Evolutionsleiter. Wenn alle Selfpublisher zumindest mal die Auto-Korrektur ihrer Textverarbeitung nutzen würden, wäre schon viel gewonnen, sehr viel.
Als nächstes wäre ein echtes Korrektorat gut und wenn wir so weit sind, dann fordern wir ein Lektorat für alle, obwohl es das beste wäre.
Bei den Preisen besteht auf jeden Fall ein Problem: Einerseits sind sie angemessen. Ich bin nur Hobby-Betaleser aus Freundschaft und schon das ist sehr zeitaufwendig, eine Stunde für ein bis zwei A4-Seiten ist durchaus nicht selten. Andererseits sind die Preise abgesehen von wenigen Bestsellern nicht wirtschaftlich.
Dazu kommt, dass ein Lektor oder Korrektor für den Autor ein Glücksspiel ist. Die teure Leistung muss bezahlt werden, egal wie die Qualität ausfällt. Am Ende steht entweder ein lektoriertes Buch oder eine hohe Rechnung und ein unbrauchbares Buch.

Ann-Bettina Schmitz hat gesagt…

Da ich selber viel rezensiere, weiß ich leider nur zu genau was dabei raus kommt, wenn der Autor alles selber macht. Andererseits sehe ich auch das finanzielle Problem. Für die meisten Selfpublisher dürfte ein professionelles Lektorat nicht in Frage kommen. Aber dann sollten zumindest Beta-Leser aus dem Freundes- und Bekanntenkreis das Buch kritisch lesen.

Josefa vom Jaaga hat gesagt…

Was du zur Lektoratsarbeit schreibst, ist ja alles gut und richtig. Nur leider gehst du mit keinem Wort mehr auf das Problem ein, das du im zweiten Absatz selbst angeschnitten hast: einem nackten Mann kann man nicht in die Taschen fassen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist ein Lektorat, das diesen Namen verdient, für einen selbstveröffentlichenden Autor normalerweise unrentabel. Und irgendwo auch unnötig: wenn das Buch ohnehin kaum jemand zu Gesicht bekommen wird als ein paar Freunde und Bekannte, muss man es nicht erst auf maximale Verkäuflichkeit trimmen.

@ Ann-Bettina: auch mit den Beta-Lesern aus dem Bekanntenkreis ist das so eine Sache. Der einzige Fehler in meinem Skript, den meine Erstleserin mir anstreichen wollte, war "Brosamen" - sie hätte daraus gerne "Brotsamen" gemacht.

Georg Sandhoff hat gesagt…

Bezüglich der Kostenfrage habe ich gestern eine recht ausführliche Diskussion auf Facebook geführt. Da ich von den anderen Beteiligten noch kein Feedback bekommen gabe, dass ich ihre Aussagen hier veröffentlichen darf, fasse ich mal im Folgenden meine Antworten zusammen:

Link: https://www.facebook.com/groups/258910490844267/603259619742684/?notif_t=group_comment

Zum Thema Preise von Lektoren:

[...]

Georg Sandhoff: Der Preis von 3 € pro Seite entspricht, wenn man davon ausgeht, dass ein vernünftiger Lektor nicht mehr als zehn Normseiten in der Stunde liest, einem Stundenlohn von 30 € brutto, was wiederum in Etwa zum Einstieggehalt eines Zeitschriftenredakteurs äquivalent ist. Da bleibt nach Abzug der Steuern über den Daumen gepeilt rund 15 € netto übrig. Bei einer Woche von 35 Stunden verdient ein Redakteur rund 2100 netto im Monat, der freie Lektor schafft in dieser Zeit maximal drei Bücher a 300 Seiten, was einem Monatslohn von etwa 1350 € ergibt.

Zum Thema Gewinnbeteiligung / alternative Finanzierungsmodelle

[...]

Georg Sandhoff: Eine Gewinnbeteiligung ist bei den Margen, die Selfpublisher üblicherweise erreichen, wirtschaftlich nicht darstellbar. Gehen wir von einem eBook-Preis von 3.99 € aus und einer Marge von 80 % für den Autor, dann bleiben bei einer Beteiligung von 10 % für den Lektor rund 31 Cent pro Buch. Gehen wir dann davon aus, dass der Autor eine Auflage von 150 Stück verkauft, kommen dabei etwa 50 € herum. Das ist für eine qualifizierte Arbeit zu wenig.

[...]

Georg Sandhoff: Ich habe mir darüber auch schon Gedanken gemacht, bin aber bisher zu keiner tragfähigen Lösung gekommen. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, sich zusammenzuschließen, eine Autorengenossenschaft zum Beispiel, oder ein Verein (Quindie hat so etwas in Ansätzen versucht, ich sehe da aber die Gefahr, dass das Ganze ins Elitäre abrutscht), aber neben den organisatorischen Problemen ist es schwierig, die Autoren von solchen Zusammenschlüssen zu überzeugen.

Soweit meine Antworten zur Diskussion von gestern. Leider wurde die Diskussion ib einer geschlossenen Gruppe geführt, so dass sie nicht für jeden einsehbar ist.

Georg Sandhoff hat gesagt…

Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass das Korrekturlesen eines Buches allein dazu dient, es auf Verkäulichkeit zu trimmen. Vielmehr sollte man, auch wenn man Hobbyautor ist, ein möglichst fehlerfreies Buch abliefern, selbst wenn es nur von fünf Leuten gelesen wird. Das gilt vor Allem dann, wenn man es zum Beispiel bei Amazon etc. veröffentlicht hat.

Alles andere ist ärgerlich für die Leser und peinlich für den Autoren selbst.

Justine Wynne Gacy hat gesagt…

Alle pleite, alle blöd. Und nette Menschen zu finden die einem helfen ist schwer.
Leider ein Fass ohne Boden. Wir drehen uns im Kreis, denn das Problem bekommen wir so nicht gelöst.

Jeannette Hagen hat gesagt…

Ein guter und nützlicher Beitrag.

Miriam Pharo hat gesagt…

4,50 bis 5 Euro pro Seite ist die Norm bei guten Lektoren/Korrektoren. Es ist nicht einfach, die Ausgaben wieder reinzuholen, aber ein professionelles Lektorat oder zumindest Korrektorat ist unerlässlich. Wer Geld für sein Buch verlangt, muss Anständiges abliefern. Als Autor ist man leider betriebsblind. Man übersieht zwangsläufig Dinge.

Nina hat gesagt…

Ich sehe das immer differenziert: Ich selbst schreibe Kurzgeschichten, die ich bei klassischen Verlagen veröffentliche. (Diese stellen ein Lektorat zur Verfügung.) Aber bei dem, was dabei rumkommt, kann ich mir keinen Webdesigner für meine Homepage (ja, ich weiß, dass sie grässlich ist) oder einen Stimmtrainer für Lesungen oder einen Kurs fürs schnellere Tippen (all das wird Menschen in meiner Lage ernsthaft vorgeschlagen) leisten. Und das Geld dafür von woanders ranschaffen, kann es ja auch nicht sein. - Umgekehrt wundere ich mich, wie viele davon ausgehen, dass ihnen irgendwer aus dem Bekanntenkreis hilft. Also ich würde davon abraten, nicht-schreibende Menschen für ein Lektorat heranzuziehen. Meiner Erfahrung nach hängen sie sich oft an Details auf (finden z.B. den Namen eines Charakters "blöd" - das ist zum einen Geschmackssache, zum anderen bei einem Lektorat nicht das dringendste Problem, wenn noch viele stilistische Mängel da sind) und sind vor allem erst mal neugierig, verlieren aber recht schnell das Interesse. Aber selbst wenn einer das gut macht: Wie kann denn jemand annehmen, dass jemand das längerfristig ohne Gegenleistung macht? - Und nein, ich spreche hier nicht von guten Menschen, sondern davon, dass sich keiner - zu Recht - gerne ausnutzen lässt. Also da muss da ja zwangsläufig mal was zurückkommen. Nicht augenblicklich und nicht vom selben "Wert", aber reine Schmarotzer werden auch wieder irgendwann enttarnt. Und man sollte sich als Autor dann fragen, was man anbieten kann und ob man z.B. dann tatsächlich nein sagen kann, wenn man mal gefragt wird, ob man nicht Nachhilfe für die Kinder ("Du bist doch so gut in Deutsch und in Englisch bist du bestimmt auch klasse ...) sein kann. Im Leben gibt es nichts geschenkt (außer wohl der Liebe der Eltern), selbst mit Netzwerken nicht.
Meines Erachtens wäre es die beste Lösung, wenn sich Autoren zusammentun und gegenseitig ihre Werke durchsehen. Das sind Menschen, die sich da auskennen, es wird keiner ausgenutzt und es muss auch kein Geld fließen. Dazu kann man selbst als Autor, wenn man fremde Werke auf ihre Schwächen durchsieht, noch was lernen.

Dass ein freier Lektor was verdienen muss, ist klar. Ich sehe da auch kein Problem darin, wenn wer ein paar Euro pro Seite bekommt. Nur wird das halt nicht jeder nutzen - viele von uns mähen ja auch ihren Rasen selbst, lassen die Haare von Mama schneiden und machen den defekten Ausfluss selbst wieder durchgängig, weil sie sich jemanden, der davon leben muss, nicht leisten können. Auch wenn die Frisör-Firsur wohl besser ausschaut als Mamas "einmal grade rundherum".

Vera Nentwich Autorin hat gesagt…

Die Kosten für ein gutes Lektorat sind sicher eine Hürde für eine beginnende Autorin. Allerdings muss ich mich auch fragen, wie ernst es mir damit ist. Möchte ich wirklich, dass Menschen meinen Namen mit handwerklich schlechten Büchern gleichsetzen? Wenn man es ernst meint mit seinem Autorinnendasein, dann geht es nicht ohne Lektorat.