Sonntag, 18. Mai 2014

Der Omnibus-Effekt, Teil II


In meinem Leben habe ich schon oft ein Phänomen beobachtet, dass ich für mich den »Omnibus-Effekt« genannt habe. – Gemeint ist der Hang vieler Menschen, nicht die Beste, sondern die erstbeste Lösung zu wählen. Im Bus wird das besonders deutlich, wenn sich nach dem Einsteigen die Passagiere in einer Traube hinter der Tür sammeln, statt in die Leeren Gänge zu gehen – deswegen die Bezeichnung »Omnibus-Effekt«. Doch auch beim Schreiben kann man ähnliche Effekte beobachten. Nachdem sich der erste Teil des Artikels mit den technischen Aspekten des Ganzen beschäftigt hat, geht es heute um die psychologisch-inhaltliche Seite.

Bevor es aber zum eigentlichen Inhalt des Posts geht, möchte ich kurz auf einen Kommentar eingehen, der als Reaktion auf den ersten Teil eingegangen ist und der als Einstieg in das Thema dienen soll. Anonymus hatte geschrieben:

Der Omnibus-Effekt - dieses auffällige Zusammenballen an der Tür und das sehr zögerliche Ausbreiten entlang des Ganges - ist der Beobachtung geschuldet, dass man ja auch wieder aussteigen will und sich dann jeden Meter zurück an die Tür kämpfen muss. Was in einem vollen Bus (oder einer Straßenbahn) problemlos dazu führt, dass man erst eine Haltestelle später das Fahrzeug verlassen kann. Wer dann auch noch auf die Frage “‘Tschuldigung, ich muss hier aussteigen, könnten Sie mich wohl durchlassen?” die Antwort hörte: “Das ist ja wohl nicht MEIN Problem!” - der wird in Zukunft wie angewurzelt an der Tür stehen bleiben.

Ich hatte Anonymus darauf geantwortet, dass es – wie Heidi Klum sagen würde – auf die Attitude ankommt, d.h. die Haltung, mit der ich an die Sache herangehe. Es ist nicht nur wichtig, was man sagt, sondern wie man es sagt.

Der zentrale Fehler, den Anonymus gemacht hat war m. E., seinen Wunsch in eine Bitte zu verpacken. Dadurch hat er den Angesprochenen die Wahl gelassen, auf die Bitte zu reagieren oder – wie in diesem Fall – auch nicht. Man kann ein »Entschuldigung!« durch Stimme und Haltung auch so vermitteln, dass es von einer Bitte zur Aufforderung wird. Falls einem das gelingt, wird man von den Leuten auch durchgelassen. Das heißt aber nicht, dass man aggressiv auftreten muss. Es geht nur darum, bestimmt aufzutreten (Wer schon mal hier im Blog herumgestöbert hat, weiß, dass eines meiner philosophischen Steckenpferde der Buddhismus ist). Wenn man es blumig umscheiben will, geht es mehr darum, Obi-Wan zu sein als Darth Vader :-).

Das führt uns zum eigentlichen Thema zurück:

Angst als Grund, etwas nicht zu wagen


Einer der offensichtlichsten Gründe, die erstbeste statt einer besseren Lösung zu nehmen, ist Angst. Im Falle des Busses ist es die Furcht, nicht rechtzeitig wieder aus dem Fahrzeug herauszukommen, aber auch beim Schreiben kann einen eine ganz ähnliche Angst überfallen, nämlich die Angst, dass die Leser den Text nicht annehmen.

Die Folge ist in beiden Fällen, dass man in der Gruppe bleibt, im Gewöhnlichen verharrt, nichts wagt und so das tut, was alle anderen auch tun. So kommt es, dass die Welt mit Greys, Harrys und Frodos überschwemmt wird und immer wieder die gleichen Handlungsschemata durch den Text getrieben werden (SM-Sex mündet in romantischer Liebe – E.L. James / ein ganz gewöhnlicher Junge entdeckt, dass er etwas Besonderes ist – J.K. Rowling / Ein Held, der von seiner Bestimmung nichts ahnt, ist von den Göttern dazu ausersehen, mit seinen Kumpels loszuziehen, um die Welt zu retten – J.R.R. Tolkien).

Viele Autoren bleiben so auf der vermeintlich sicheren Seite, was aber zur Folge hat, dass sich die Leser gelangweilt von dem Buch abwenden. Wenn ich zum Beispiel am Anfang des Buches »Er/Sie war ein ganz gewöhnliche(r) Junge/Mädchen von X Jahren …«, dann lege ich es gleich wieder weg. Genauso geht es mir bei Fantasy-Romanen, wenn schon auf dem Klappentext »Held X ahnt noch nichts von seinem Schickal, doch er ist von den Göttern auserkoren, den dunklen Lord Y zu stürzen…«, steht. Dann denke ich mir nicht schon wieder ein Aushilfs-Tolkien! und lege auch hier das Buch ungelesen auf den Bücherstapel zurück.

Über die Grenzen hinausgehen


Ausgerechnet E.L. James, deren Stil ich persönlich unterirdisch finde, ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnen kann, über die Grenzen des eigenen Genres hinauszugehen. Die Vorstufen von Fifty Shades of Grey haben das Licht der Welt zunächst als Fan-Fiction im Rahmen des »Biss zum …«-Universums erblickt. Den Leuten im Forum waren aber die Stories von James zu anzüglich (gut, selbst Graf Zahl ist erotischer als Edward Cullen), so dass sie aus diesem herausgeworfen wurde. Doch statt aufzugeben hat sie alle Hinweise auf Vampire aus ihrer Story gestrichen und den Roman als Indie-Autor veröffentlicht. Was war die Folge: Sie hat zwar das Forum verloren, dafür aber einen Welterfolg gelandet.

Ein anderes Beispiel ist Peter Wawerzinek, Ingeborg-Bachmann-Preisträger: Wer sich seine ersten Bücher, z.B. Nix oder Moppel Schappiks Tätowierungen anschaut, würde nie darauf kommen, dass dieser Mann einmal einen der größten deutschen Literaturpreise gewinnen würde. In den meisten Schreibforen wäre er vermutlich glatt durchgefallen, weil diese Texte weder eine klare Struktur, noch eine einheitliche Perspektive haben und sich gegen so ziemlich jede Konvention stemmen, die einem in den Schreibratgebern immer wieder vorgebetet werden. Dabei ist die Schreibe selbst virtuos.

Wie kann man es besser machen?


Man muss nicht wie Wawerzinek alles völlig anders machen, aber es lohnt sich, die Grenzen des eigenen Genres auszukundschaften, um dann zu schauen, was man anders machen kann. Man braucht den Mut, mit dem Material Sprache zu exprimentieren.

Natürlich kann man damit auch auf die Nase fallen, aber wenn man nicht fällt, gewinnt man ein ganzes Bündel neuer Möglichkeiten. Man muss auch den Mut finden, einfach auch Dinge zu schreiben, die in den Augen Anderer »Schwachsinn, Scheiß, Unmögliches und Schlechtes« sind. Erst wenn ich bereit bin, etwas auszuprobieren, habe ich die Chance, die Dinge auf eine neue, ungewöhnliche Art und Weise zu machen. Die Alternative ist das literarische Äquivalent zu Tütensuppe: schmeckt fade, aber man weiß, was man hat.

Steve Jobs ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, die Dinge anders zu machen: Er hat den Computer nicht neu erfunden. Alle Teile, die in einem Apple stecken, finden sich auch in anderen Rechnern (Der beste Beweis dafür ist, dasss man Mac OS mit etwas Gefummel auf jedem PC installieren kann). Der Unterschied zwischen dem, was die Allgemeinheit und dem, was Steve Jobs getan hat, liegt in der Herangehensweise. Jobs hat es verstanden, aus dem Computer einen Gegenstand zu machen, den jeder in seinem Alltag benutzen kann, und das zu einer Zeit, als man auf winzigen Bildsschirmen kryptische Befehle in Kommandozeilen eingeben musste. Er hat die Perspektive gewechselt und den Computer aus der Anwendersicht betrachtet, während seine Konkurrenten noch darauf bedacht waren, die technische Leistung ihrer Geräte zu steigern (mehr vom Selben!). Diesem Perspektivwechsel (think different!) hat es Apple zu verdanken, dass es noch heute erfolgreich ist.

In diesem Sinne bleibt mir nur noch ein Bonmot als Schlusswort:

Das Schaf, dass sich von der Herde entfernt, mag von den Wölfen gefressen werden, aber vielleicht findet es auch eine saftige, grüne Wiese, während der Rest der Herde immer noch auf denselben zertrampelten, braunen Grasstoppeln kaut, die keinem schmecken.

Ich wünsche euch Mut und kreative Gedanken!

(Und vergesst nicht, den Artikel zu kommentieren und zu teilen!)

Kommentare:

Craula Besh hat gesagt…

Lecker!

Bernd Badura hat gesagt…

Du magst Leute nicht, die Lord Y gestürzt haben? Aber überleg doch mal: Lord Y hätte furchtbare Dinge mit dieser Welt angestellt! Wir sollten diesen Leuten dankbar sein.

Im übrigen will ich dir mal wieder wiedersprechen: Ich glaube nicht, daß die Autoren, die zum 2milliardsten Mal mit Glitzervampiren um sich schmeißen an diesem Phänomen schuld sind, sondern der Buchmarkt. Punkt a) Die Verlage wissen das hatte Erfolg, das wird wohl wieder erfolg haben, sie müssen nicht viel tun um den Lesern zu erklären, worum es geht. Also werfen sie ein altes Produkt im neuen Gewand auf den Markt. Feddich!

Punkt b) die Leser! Unter den Viellesern gibt es auch unheimlich viel Repetativleser. Die sehen: Oh da glitzert wieder was, das hat mir beim letzten Mal schon so gut gefallen, das kauf ich mir nun wieder.

Du darfst nicht vergessen, daß Lesen immer mehr zur Trieb- und Bedürfnisbefriedigung einer bestimmten Leserschaft wird. Was erstmal auch nichts schlechtes ist. Sogennante Schund- und Groschenliteratur hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Und wenn sie gut gemacht ist, habe ich durchaus auch meinen Spaß daran. Das Problem ist mehr, daß diese Schundliteratur und nennen wir es mal der "Massengeschmack" alles zu überfluten scheint und es guter Spratenliteratur und jede Form der Literatur die anders ist es somit verdammt schwer gemacht wird sich durchzusetzen. Ich schimpfe auf dieses Phänomen ja schon seit vielen, vielen Jahren. Auch schon viel länger als du es tust. Du weißt sicherlich noch, wie ich mich aufgeregt hab, als alle Kinofilme gleichgeschaltet wurden und (fast) jeder Kinofilm für mich nur noch mit genügend Narkotika zu ertragen war. Nun? Das Publikum hat inzwischen die Schnauze voll von diesen immergleichen Einheitsbrei. Nun gibt es wieder intelligentere Filme. Sprich: Auch dieses Problem wird sich von selbst lösen.

Der Untergang der sogenannten Musikindustrie hat ja auch für eine bessere Popmusikszene gesorgt. Keine Bange also: Das Problem wird sich von selbst lösen.  

Wie du weißt, hast du ja auch von meinen Büchern gesagt, sie seien zu schräg/speziell und abgefahren, als daß sie sich am Markt durchsetzen würden, aber du siehst: Sie finden ihre Leser. Und die sind gar nicht mal so wenig. Also hab ein wenig Geduld. ;)

Und nun wünscht der Kleckser dir noch vielen intelligenten Lesestoff.