Freitag, 31. Juli 2015

Suchst du noch nach Inspiration, oder transpirierst du schon?


Seit ich in Selfpublisher-Kreisen unterwegs bin, höre ich des Öfteren, dass manche werten Kollegen und Kolleginnen zwar ein ganz tolles Konzept für einen Roman oder was auch immer haben, aber noch kein einziges geschriebenes Wort vorweisen können. Sie warten noch auf die Inspiration, heißt es dann. Oder, man könne nur schreiben, wenn die Inspiration fließt. Um es kurz und schmerzlos zu machen -- das ist Quatsch!

Als jemand, der im wirklichen Leben als Redakteur arbeitet, weiß ich, dass die effektive Produktion eines Textes gleich welchen Genres wenig mit Inspiration zu tun hat, sondern vielmehr damit, dass man seine Hausaufgaben macht (zum Beispiel gezielt Material sammelt) und sich auf seinen Hintern setzt. Das ist das ganze Geheimnis dahinter, wie man einen Text in einer definierten Zeit fertigschreibt, nicht mehr, nicht weniger.

Würde ich bei den Texten, die ich schreiben muss, erst darauf warten, dass mich die Inspiration überfällt, dann hätte ich a) bis heute nichts geschrieben und b) keinen Job mehr. Im Prinzip braucht man für jeden Text, ganz gleich ob das ein journalistischer (Gebrauchs-)Text ist oder das nächste "Finnegans Wake" nur wenige Dinge zu beachten:

Erstens muss man ein Ziel haben. Wofür ist der Text gut, was will ich erreichen? Das ist die Frage die man sich ganz am Anfang stellen sollte.

Zweitens muss man seine Hausaufgaben machen. Dazu gehört eine grobe Outline von dem, was ich schreiben will. Etwas, das ein Ziel und den Weg dort hin definiert. Eine simple Liste ist dafür völlig ausreichend. Weiß man, wohin man will, sollte man gezielt Material sammeln, das zum Thema des Textes passt. Das gilt sowohl für Berichte wie auch für fiktionale Texte. Wildes Herumsuchen ist dabei eher kontraproduktiv.

Drittens muss man sich auf seinen Hintern setzen und schreiben. Sofern man nicht durch äußere Umstände wie einen Umzug, eine Krankheit oder den Ausfall der Technik dazu verdammt ist, nicht schreiben zu können, gibt es keinen Grund, es nicht zu tun.

Es ist auch völliger Blödsinn, stundenlang darauf zu warten, dass die eine geniale Wortfolge aus deinem Gehirn purzelt oder stundenlang an einer Formulierung zu "feilen", sobald man sie zu Papier gebracht hat.

Solange du kein Genie bist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man auf diese Weise irgendetwas Sinnvolles oder gar Schönes produziert. Da kann man genausogut seine Zeit damit verbringen, Buchstaben aus einem Scrabble-Beutel zu ziehen oder mit einem Aluhut auf dem Kopf in einem Gewitter spazieren gehen, da ist die Wahrscheinlichkeit, eine "Erleuchtung" zu haben, größer. Erst einmal geht es darum, überhaupt etwas zu Papier zu bringen, daran feilen kann man später immer noch.

Im Rückblick hat sich der Termindruck, der sich ergibt, wenn man gezwungen ist, seine Artikel zu einem festen Termin abzugeben für mich als sehr hilfreich erwiesen. Man lernt, dass es wichtiger ist, erstmal überhaupt etwas vorweisen zu können. Wenn man dann noch Zeit hat, kann man das dann immer noch schön machen.

Das "Feilen" an der einzelnen Formulierung, obwohl man noch kaum etwas zu Papier gebracht hat, der heroische Kampf, den manche mit der Sprache auszufechten glauben, ist dagegen vor allem eines: unproduktiv.

Geht jemand auf diese Weise vor, gleicht er einem Bildhauer, der mit einer winzigen Feile bewaffnet eine Statue aus dem Felsen kitzeln will. Das ist zwar möglich, aber - wie schon gesagt - völlig ineffektiv. Ein geübter Bildhauer schlägt dagegen erst die grobe Form aus dem Stein und erst wenn diese steht, beginnt er mit immer feineren Werkzeugen, die endgültige Form der Figur herauszuarbeiten.

Und selbst wenn das Material ein anderes ist, ein geübter Autor macht es nicht anders.


1 Kommentar:

Justine Wynne Gacy hat gesagt…

Lach - bei dem Titel musste ich heftig lachen.
Ich gehöre leider zu der Sorte die darauf warten das die Inspiration sie umhaut ... Schande über mich, ich muss mal wieder meine Hausaufgaben machen!