Dienstag, 13. Februar 2018

Erfolg als Autor




Was ist Erfolg? - Das ist eine gute Frage. Ich glaube ganz grundsätzlich, dass sich Erfolg für jeden anders darstellt. Der Witz an der Sache ist, dass jeder zu wissen glaubt, was »Erfolg« ist, nämlich die Möglichkeit, mit dem, was man tut, möglichst viel Geld zu verdienen. Das ist aber viel zu kurz gedacht. Deshalb soll es hier um Erfolg aus einer künstlerisch-ökonomischen Perspektive gehen.


Der Konvention nach scheinen sich Kunst und Ökonomie zuerst einmal auszuschließen. Doch das ist nur der erste Anschein, der uns blendet. Ich bin der Meinung, dass sich das nur an der Oberfläche ausschließt. Geht man einen Schritt über die Konvention hinaus, so sieht man, dass nahezu jeder Künstler möchte, dass seine Werke von möglichst vielen Rezipienten gesehen werden.

Die Bedeutung von »Erfolg«

 
Das ist grundsätzlich ein ökonomischer Gedanke. Die Währung ist hier zunächst Aufmerksamkeit. Wenn sich diese Aufmerksamkeit dann auch monetär niederschlägt, umso besser. Ich bin kein Fan der Ansicht, dass man nur Kunst um der reinen Liebe zur Kunst machen sollte. Was oft übersehen wird, ist, dass Kunst und damit auch das Schreiben, im wesentlichen Arbeit ist und man von bloßer Bewunderung nicht satt wird. Selbst wenn man mit Leidenschaft dabei ist (was man sein sollte), bezahlt die Leidenschaft allein nicht die Materialien, die Miete oder die übrigen Rechnungen. In jeder anderen Profession ist es üblich, dass, wenn man eine Arbeit macht, man dafür bezahlt werden sollte. Lediglich von den Künstlern wird erwartet, dass sie ihre Arbeit um der Liebe zur Sache tun, was wie so viele Dinge, die heute im künstlerischen Bereich im Argen liegen ein, Relikt der Romantik ist. Kunst um der Kunst willen ist eine Erfindung der Neuzeit. Davor war es selbstverständlich, dass erfolgreiche Künstler auch wirtschaftlich auf der Höhe waren. Eines sollte klar sein, sobald man sich vom ideologischen Ballast befreit hat: Ohne den Willen, bezahlt zu werden, bleibt das, was man tut, ein bloßes Hobby.

Jenseits des Hobbyistentums gibt es nun grundsätzlich zwei Wege, die man einschlagen kann: Die Kommerzialisierung hin zur Massenware oder die Produktion von »Luxuswaren« mit aufwendiger Gestaltung und vielschichtigem Aufbau. Auf den Autor bezogen bedeutet das, dass man im Wesentlichen zwei Typen unterscheiden kann: den Handwerker, der schnelle Leseware zu geringen Preisen produziert, um durch große Stückzahlen Geld zu verdienen und den Künstler-Autor, der weniger, aber künstlerisch höherwertige Texte produziert, die dann nur weniger Leser erreichen (weil es für höherwertige Ware weniger Kunden gibt) und deshalb höherpreisig sein müssen.

Ich will damit nicht sagen, dass das eine oder das andere mehr Berechtigung hat. Es sind einfach zwei unterschiedliche Wege, an die Sache heranzugehen. Wichtig ist aber, dass man sich im voraus klar ist, welche Lesergruppe man erreichen möchte.

Grundvoraussetzung für den Erfolg

 

Wesentlich auch für den ökonomischen Erfolg ist, dass man weiß, worauf man hinauswill. Erfolg ist nichts Absolutes, sondern immer relativ zu einem Ziel, dass man sich gesetzt hat. Das heißt zwar noch nicht, dass das Ziel für sich gut sein muss, oder in irgendeiner Weise erstrebenswert, aber es ist wichtig, dass man einen Fixpunkt hat, auf den man sich konzentrieren kann.

In Bezug auf das Projekt, ein erfolgreicher (also gelesener) Autor zu werden, heißt dass, dass man sich nicht allein um das Schreiben des Buches an sich Gedanken machen sollte, sondern auch darum, wie man seine Texte so produziert und verkauft, dass sich das Projekt selbst trägt.

Letztendlich ist man als Autor ein Entrepreneur/ein Ein-Mann-Start-Up, dass unter hohem Risiko ein Produkt herausbringt. Deshalb ist es so wichtig, dass man die ökonomische Seite in den Griff kriegt. Dazu muss man sich schon im Voraus Gedanken machen, was zielführend ist und was nicht. Der wesentliche Punkt ist aber wie bei allen ökonomischen Vorhaben, dass man Kosten möglichst reduziert. Lektorat, Covergestaltung und Layout sind teuer, genauso wie »professionelle« Schreibsoftware. Hier gilt als oberste Maxime: Was ich einsparen oder substituieren kann, sollte ich einsparen!

Der Grund ist einfach: Geht man den traditionellen Weg in der Herstellung und Vermarktung eines Buches, so wird man überschlägig rund 2.000 € Produktionskosten pro Buch veranschlagen müssen (ca. 1.200 € Lektorat, 300 € Cover, 300 € Layout und ca. 200 € für ein einschlägiges Schreibprogramm). Rechnet man noch Schreibseminare, Besuche auf Konferenzen usw. dazu, kommt man schnell auf Kosten von 2.500 oder mehr Euro.

Das heißt aber, dass man erst diese 2.500 € eingenommen haben muss, bevor man beginnt, mit dem Buch etwas zu verdienen (der sogenannte Breakeven Point). Man müsste 250–300 Printexemplare in üblicher Seitenzahl (250+) und Preisgestaltung (ca. 10–12 €) verkaufen, was für einen Indieautor eine ambitionierte Zahl ist, wenn man bedenkt, dass auch bei großen Verlagen von den Midlist-Titeln in der Regel ebenfalls nicht mehr als 500 Exemplare gedruckt werden.

Man muss sich im Klaren darüber sein, wohin man gehen möchte

 

Die Realität wird bei den meisten Kleinautoren eher so aussehen, dass die Verkäufe eher bei 100 Stück liegen werden. Das heißt im Umkehrschluss, dass man – die »traditionelle« Vorgehensweise vorausgesetzt – die Produktionskosten nicht wieder wird einspielen können. Damit bleiben aber nur zwei Wege, die man so beschreiben kann: Entweder man betreibt das Self Publishing als mehr oder weniger kostspieliges Hobby oder man reduziert radikal die Produktionskosten. Wenn man dabei fair vorgehen möchte und bereit ist, die Dienstleister genauso fair zu bezahlen wie man selbst bezahlt werden möchte, stößt man allerdings schnell auf Probleme.

Grundsätzlich bin ich kein Fan von »Probearbeiten« und ähnlichen Konzepten. In der Regel ist jeder Künstler, der etwas auf sich hält, bereit, Arbeiten aus seinem Portfolio zu präsentieren. Das sollte ausreichen, um sich über den Stil und die Fähigkeiten des Künstlers ein Urteil bilden zu können. Ein ernsthafter Künstler wird zudem Preise nehmen, die für ihn kostendeckend sind. Ist das Angebot besonders »günstig« lässt das eher darauf schließen, dass der Anbieter entweder ahnungslos oder verzweifelt ist. Bei einem aus Stock-Material zusammengesetzten Cover kann man von realistischen Preisen von ca. 300 € ausgehen, während man bei einem exklusiven Cover mit eigens angefertigtem Bild usw. schnell im oberen dreistelligen Bereich landen kann.

Für den ökonomisch denkenden Self Publisher bedeutet das noch einmal (man kann es nicht oft genug betonen): Kosten senken! Es ist einfach notwendig, die anfallenden Kosten so weit wie möglich zu reduzieren. Wenn man dabei kein Preisdumping betreiben will, bleiben dem Autor eigentlich nur zwei Möglichkeiten, diese zu reduzieren: Bei der verwendeten Software und bei den Lektoraten.

Mögliche Lösungen

 

Die Reduktion der Softwarekosten ist relativ einfach zu bewerkstelligen, da es in allen für Autoren relevanten Bereichen entsprechende Open-Source-Software gibt. Es gibt zum Beispiel Open-Source-Programme wie den YWriter oder den QuollWriter, die kommerzielle Autorensoftware ersetzen können oder Software wie WriteWay, das vom Software-Hersteller zur freien Nutzung freigegeben wurde. Und selbst LibreOffice kann man so aufbohren, dass man eine für Autoren brauchbare Schreibumgebung erhält. Das Layout lässt sich mit Scribus und Open-Source-Schriften bewerkstelligen, von denen es inzwischen viele gibt, die professionellen Ansprüchen genügen. - Generell gilt: Alles, was du selbst tun kannst, kostet dich weniger.

Der zweite Punkt, durch den man die Kosten deutlich reduzieren kann, ist – so ungern ich das sage – das Lektorat. Es ist mit der größte Kostenpunkt und daher der Posten, bei dem man am ehesten Einsparungen erzielen kann. Ich bin ganz und gar nicht dafür, auf das Lektorat völlig zu verzichten. Wenn man mit seinen Büchern genug verdient oder zu den Glücklichen gehört, die noch ungenutztes Geld irgendwo herumliegen haben, kann und sollte sich ein Lektorat leisten.

Dennoch sind die Kosten für ein solches gerade für einen neuen Autor kaum zu stemmen. Man braucht also eine halbwegs funktionierende Alternative. Beliebig aus dem Internet oder Facebook zusammengeworbene Testleser können es nun nicht sein. – Was also dann?

Die für mich zielführendste Alternative ist, mit anderen Autor(innen) ein Korrekturkollektiv zu bilden, in dem die beteiligten Autoren gegenseitig ihre Texte überarbeiten. Das ist eine Lösung, die ein Lektorat nicht vollständig ersetzen kann, aber, gute Teammitglieder vorausgesetzt, zu akzeptablen Ergebnissen führt.

Generell ist wichtig, dass man den Aufwand um das eigentliche Schreiben herum minimiert. Dazu gehört auch, dass man plant, wann man welche Maßnahmen ergreift und welche von diesen voraussichtlich die größte Wirkung haben. Das fängt bei simplen logistischen Problemen wie zum Beispiel »Was mache ich zuerst? Das E-Book oder die Printfassung?« und geht über alle Bereiche des Self Publishing hinweg. Es ist wichtig, dass man ein übergeordnetes Ziel hat, damit man weiß, in welche Richtung man steuert. Ob man dieses Ziel nun wirklich erreicht, ist dabei erst einmal zweitrangig. Aber man braucht das Ziel als Fixpunkt am Horizont, der einem sagt, warum man etwas macht. Letztendlich ist nichts hinderlicher für das Vorankommen als die Unfähigkeit, sich für eine Sache voll und ganz entscheiden zu können.

Ohne Durchhaltevermögen gelangt man nicht ans Ziel

 

Um das zu erreichen braucht man zwei Eigenschaften, auf die letztendlich jeder Versuch basiert, seine Ziele zu erreichen: Ausdauer und den Willen sowie das nötige Wissen, seine Sache auch gegen Widerstände durchzusetzen. Denn nur wenn ich von allen dreien genug aufbringe, mein Ziel verfolge, werde ich lange genug am Ball bleiben, um letztendlich dort anzukommen. Wenn ich auf dem Weg dorthin Durststrecke aushalten muss -- So what?! Ich muss nur wissen, wohin mein Weg mich führt.

Ein Bonmot meiner jüngeren Tochter trifft es genau:
Wenn alle »nein» sagen, dann sage ich »DOCH!«

Dennoch sollte man nicht zu fanatisch an einer Sache festhalten, wenn sich abzeichnet, dass sich diese als falsch erweist. Es ist gut, ein Ziel zu haben, aber es ist nie das einzige. Und wenn sich ein besserer Weg ergibt, sollte man ihn gehen. Schließlich würde niemand bei vollem Verstand mit Enthusiasmus auf eine Klippe zu rennen, wenn er weiß, dass er zu Tode stürzen wird.

Dienstag, 6. Februar 2018

Angst ist ein nutzloses Gefühl

Wir alle verspüren Angst. Angst ist nützlich, wenn wir in Situationen geraten, in denen uns Gefahr für Leib und Leben droht. Nur so können wir schnell genug reagieren und die Kraft aufbringen, die nötig ist, um aus der gefährlichen Situation zu entkommen. Völlig fehl am Platze ist sie aber in den meisten Fällen des Alltags. Und gänzlich unsinnig wird sie bei Ereignissen, deren Ausgang wir nicht beeinflussen können und die ganz und gar nicht bedrohlich im eigentlichen Sinne sind. Das ist zum Beispiel der Fall bei Lesungen, bei der Vorstellung des neuen Covers auf Facebook, oder aber beim Veröffentlichen eines Blogposts wie diesem hier.

Wovor fürchten wir uns eigentlich? Das, was uns so bedrohlich erscheint, ist nicht die Situation selbst, sondern oft die Furcht vom Publikum abgewiesen zu werden (zumindest dann, wenn man nicht zu Depressionen neigt). Uns gehen tausende Gedanken durch den Kopf: »Was ist, wenn den Leuten nicht gefällt? – Was passiert, wenn ich meine Lesung in den Eimer haue? –Wie kann ich noch etwas Interessantes schreiben, wenn doch schon alles geschrieben scheint.« usw.

Das alles sind Gedanken, die dem durchschnittlichen Autoren bzw. Autorin spätestens dann kommen können, wenn man sich entschlossen hat, das eigene Werk einem wie auch immer gearteten Publikum zu präsentieren. Dabei ist völlig gleich, welche Ausprägung diese Angst nun annimmt: Im Kern liegt immer eine Angst vor Dingen, über die man keine Kontrolle hat. Ich habe Angst vor der Reaktion des Publikums, Angst, dass meine Geschichte nicht gefällt, dass ich mich zum Trottel mache usw. Das sind in der Regel alles Dinge, auf deren Ausgang ich keinen Einfluss habe. Darum hat die Angst, die ich empfinde auch keinen Nutzen, weil sie keine Veränderung in Bezug auf die Umstände, die meine Angst verursachen, bewirkt.

Es ergibt zum Beispiel gar keinen Sinn, nichts zu schreiben, weil ich mir Gedanken darum mache, dass das, was ich schreibe, nicht gut genug sein könnte und die Leser meinen Text in der Luft zerreißen würden. Es ergibt auch keinen Sinn, sich vorher Sorgen zu machen, dass man sich auf der Lesung blamieren wird, weil man nicht gut genug sind.

Viel wichtiger ist stattdessen, sich auf Dinge zu konzentrieren, die man tatsächlich beeinflussen kann. Habe ich meine Materialien so zur Hand, dass ich die Informationen, die ich brauche, sofort finde? Habe ich den Text, den ich präsentiere, Korrektur gelesen? Habe ich die Lesung geprobt?
Ich habe zwar vielleicht auf die äußeren Umstände keinen Einfluss, sehr wohl aber auf die Art und Weise, wie ich mich diesen äußeren Umständen stelle. Sich gut vorzubereiten ist eine der Strategien, die hilfreich sind, um mit der Situation fertig zu werden, ganz einfach, weil es einem die Sicherheit gibt, alles getan zu haben, um mein Anliegen so gut wie möglich vorbringen zu können.

Wichtig ist, dass man sich einen »Werkzeugkasten« an Vorgehensweisen zurechtlege, der mir hilft, auch in schwierigen Momenten Ruhe zu bewahren. Für mich hat sich die sogenannte WOOP (Wish Outcome Obstacles Plan)-Methode als hilfreich erwiesen. WOOP basiert darauf, dass man sich nicht allein auf das mögliche Ergebnis konzentriert, sondern darauf, welche Hindernisse überwunden werden müssen, um das im Wunsch definierte Ziel zu erreichen. Wenn ich  beispielsweis Lesungen halten will (Wish), aber Angst vor dem Auftritt habe, kann ich zum Beispiel als Ergebnis (Outcome) formulieren, dass ich eine gute Lesung abliefere. Was sind nun die Hindernisse (Obstacles), die mich daran hindern, dieses Ziel zu erreichen? Habe ich zum Beispiel Angst, vor anderen Leuten zu sprechen? Rede ich undeutlich? Sobald ich weiß, wo die Probleme liegen, die mich an der Verwirklichung meines Ziels hindern, kann ich einen konkreten Plan entwickeln, diese zu überwinden (Plan). Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich in einer kleinen Location anfange (Zum Beispiel bei einer Wohnzimmerlesung), oder mit anderen Autoren zusammen auftrete, sodass nicht der ganze Abend an mir hängt.

Doch letztendlich ist es ganz gleich, welche Methode man anwendet, seine Angst zu überwinden, solange sie funktioniert. Wichtig ist auch, dass man sich durch Fehlschläge nicht abschrecken lässt, sondern auch in Bereichen, die uns unangenehm sind, Routine entwickeln. Je öfter wir uns unserer Angst stellen, desto weniger Macht hat sie über uns. Das tritt aber nur dann ein, wenn man planvoll vorgeht. Man muss sein Ziel vor Augen haben. Sich einer Angst erzeugenden Situation immer wieder auszusetzen, ohne einen Weg zur Verbesserung zu finden, ergibt einfach keinen Sinn. Im schlimmsten Fall muss man sich professionelle Hilfe suchen.

Dienstag, 30. Januar 2018

Talent, Marx und ein Stück Holzkohle


Als ich vor rund achtzehn Jahren im AStA der Uni Duisburg-Essen war, hatte ich eines Abends eine angeregte Diskussion mit einer ziemlich rechtgläubigen, aber etwas einfallslosen Marxistin. Es ging um die Frage, ob das künstlerische Können eines Menschen allein von der materiellen Basis geprägt ist oder nicht. Auf 'normalsterblich' übersetzt heißt das soviel wie: Die Mittel, die mir zur Verfügung stehen, bestimmen, was ich bin, zumindest in einer naiven Auffassung des marxistischen Konzepts. Während sie davon ausging, dass nur die Mittel, die man zur Verfügung hat, bestimmen, wer man ist, war ich etwas anderer Meinung. Wie diese aussieht, will ich im Folgenden erläutern.

Wer meine bisherigen Posts zum Thema Talent gelesen hat, weiß, dass ich davon ausgehe, dass es beides braucht, Talent und Übung und dass die äußeren Umstände zwar die Art und Weise, wie ich mein Talent verwirklichen kann, beeinflussen, aber es nicht determinieren. Ich will das einmal genauer erklären: Es gibt dieses geflügelte Wort, dass jeder Mensch nur 10.000 Stunden üben müsste, um in einer Sache Perfektion zu erreichen. Das ist meines Erachtens in dieser schlichten Form falsch (Man kann auch 10.000 Stunden lang Unsinn produzieren). Tatsächlich bin ich der Meinung, dass man sich durch das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten und beständigen Übens immens verbessern kann, dennoch wird ein talentierter Mensch bei gleichem Aufwand immer einen talentbefreiten Menschen schlagen können.

Ich möchte das gerne an einem Beispiel verdeutlichen. Ich selbst bin nicht besonders groß, habe eher kurze Beine und bin eher kurzatmig (Asthma). Würde ich gegen Usain Bolt in einen Sprint antreten, könnte ich 10.000 Stunden lang üben, ohne jedoch Usain Bolt schlagen zu können. Selbst auf dem Höhepunkt meiner antrainierten Leistungsfähigkeit wäre ich nicht in der Lage, ihn besiegen zu können, ganz einfach, weil ich nicht die (physischen) Voraussetzungen dafür habe.

Das gilt analog auch für die Kunst. Ein talentierter Künstler wird, wenn er beständig seine Fähigkeiten weiterentwickelt immer besser sein als jemand, dem weniger Talent mitgegeben wurde. Das heißt aber nicht, dass ein hochtalentierte Mensch auch zwangsläufig erfolgreich sein muss. Talent zu besitzen heißt nicht, dass man dieses auch entwickelt. Man muss es nutzen, um es zum Leben zu erwecken. Tut man es nicht, wird nie etwas geschehen.

Und darin liegt auch die Hoffnung für die nicht Hochbegabten unter uns. Durch den festen Willen voranzukommen, kann man letztendlich – was die Ergebnisse betrifft – erfolgreicher als der Talentierte sein, der seine Fähigkeiten nicht nutzt oder weiterentwickelt. Dabei ist natürlich eine geordnete Umgebung, in der man alle Werkzeuge, die man braucht, zur Hand hat, hilfreich, doch viel wichtiger ist, dass man, wenn man Autor sein will, planvoll vorgeht, sich Gedanken macht, welche Schritte man gehen muss, um seinen Text veröffentlichen zu können. Man muss den Durchhaltewillen entwickeln, auch dann weiter zu machen, wenn man nicht in einer Hochphase ist, es nicht vorangehen will. Man muss sich immer wieder hinsetzen und sich mit dem, was man schreibt auseinandersetzen, ganz ähnlich wie ein Sportler trainieren muss, um seine Kondition halten zu können. Wichtig ist auch, dass man sich nicht an bestimmte Arbeitsmittel (Programme, Schreib-Techniken, Konventionen, Hardware) bindet, sondern in der Lage bleibt, mit dem, was man gerade zur Hand hat, weiterzuarbeiten. – Um ein weiteres Analogon zu bemühen: Ein schickes Outfit macht Dich noch nicht zu einem Sportler, ebenso wenig wie ein kostspieliger Computer oder ein teures Schreibprogramm Dich zu einem Schriftsteller macht.

Letztendlich ist es völlig gleich, welche äußeren Mittel zur Verfügung hat, um sich auszudrücken. Man kann auch Gedichte mit einem Stück Holzkohle auf eine Wand kritzeln, mit einem Bleistift auf einen Fetzen Papier schreiben. Und selbst wenn einem alle anderen Mittel genommen werden, so findet die Kreativität einen Weg, ihre Botschaft nach außen zu bringen, solange nur der feste Wille da ist etwas zu erschaffen. Es mag sich die äußere Form ändern, aber nichts kann eine kreative Person davon abhalten, kreativ zu sein, es sei denn, man zerstört diese Person selbst. Die Kreativität selbst ist aber nicht an äußere Mittel gebunden, sondern etwas, dass den Menschen innewohnt.

Dienstag, 4. Juli 2017

Dem Leser bist du als Autor egal - Bücher als Commodity


Es wird viel darüber geredet, welche Werbemaßnahmen die Besten wären, um ein Independent-Buch zu bewerben. Dabei wird aber übersehen, dass man sich erst einmal darüber klar werden sollte, um welche Kategorie von Ware es sich tatsächlich handelt. Erst wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man entscheiden, welche Werbemaßnahmen wirklich effektiv sind. Im Folgenden will ich dazu ein paar erste, noch rohe Gedanken formulieren.

Bücher werden von den Lesern als Commodity gesehen 1. Damit stehen sie im Gegensatz zur Musik, Film oder der bildenden Kunst, die untrennbar mit dem Künstler verbunden sind. Es ist dem durchschnittlichen Leser egal, von wem der spezifische Roman ist, solange er die Erwartungen erfüllt. Tut er es nicht, so besteht (gerade nach der Öffnung des Buchmarktes durch das Self Publishing) fast grenzenlos die Möglichkeit, auf ein beliebiges anderes Buch auszuweichen.

Darin ist m. E. auch einer der Gründe zu sehen, warum Lesungen nicht angenommen werden. Da in der Regel der Autor (sofern er nicht schon einen überregionalen Bekanntheitsgrad besitzt) nicht als Teil des Produktes “Buch” wahrgenommen wird, bietet eine Lesung per se keinen zusätzlichen Mehrwert. Sie ist vielmehr sogar mit Aufwand verbunden (Anfahrt, eventuell Eintritt, man muss zuhören etc.). Man muss also den Sprung von der Commodity zur Marke schaffen.

Eine kleine Umfrage in der Facebook-Gruppe Bücherwürmer (n=61) hat ergeben, dass über 90 % der Befragten sagen, dass der Inhalt das entscheidende Kriterium für einen Buchkauf ist 2. Der Autor ist zweitrangig. Wenn der Inhalt allerdings überzeugt hat, ist eine kleine Minderheit bereit, auch weitere Bücher desselben Autors zu kaufen. Das wiederum bedeutet im Umkehrschluss, dass man eine Lesung, so sie erfolgreich sein soll, mit Mehrwert anreichern muss (Musik, essen, Szenische Auführung, Video etc.). Die Lesung ist also nicht nur eine einfache Präsentation des Buches, sondern wird zu einer Art Gesamtkunstwerk, dass über das Buch hinausgeht. Hilfreich ist dabei, das Rahmenprogramm passend zum Genre zu wählen. Im Falle eines Krimis wäre das zum Beispiel eine Lesung mit angegliederter Verköstigung und Enacting, in anderen Fällen ist vielleicht Musikbegleitung oder die Anwendung von Projektionen sinnvoll.

Ähnliches gilt für Merchandise. Man sieht oft, dass sich gerade “junge” Autoren mit einem riesigen Angebot an Merchandizing-Artikeln eindecken (Lesezeichen, Schlüsselanhänger, Tassen, Kugelschreiber etc.). Das Anbieten von Merchandisingartikeln macht aber gerade zum Start einer Buchreihe wenig Sinn, da man noch keine Fanbase erreicht hat, die sich für solche Artikel interessieren könnte. Es macht also keinen Sinn, sich mit großen Mengen an Artikeln einzudecken, da man wahrscheinlich auf den meisten Stücken sitzen bleiben wird.

Besser ist es, soweit möglich, nur wenige, spezifisch auf das Genre und Thema des Buches bezogene Artikel vorzuhalten und sich nicht zu große Hoffnungen zu machen, über das Merchandizing signifikante Werbeeffekte zu generieren. Man kann, während man seine Autorenpräsenz Buch für Buch aufbaut, das Angebot schrittweise erweitern, wobei Merchandizing immer nur eine unterstützende Maßnahme sein kann, um bestehenden Fans eine zusätzliche Möglichkeit zur Bindung zu bieten. Neue Leser wird man so weniger gewinnen.

Wie aber kommt man aus der Commodityfalle heraus?

Eines vorweg: Es gibt aus der Commodity-Falle keinen kurzen Weg. Solange Bücher als austauschbare Ware gesehen werden, bleibt dem Autor nur der langsame Aufbau seiner Reputation. Simples marktschreierisches Gehabe reicht nicht. Reputation baut man zum Beispiel dadurch auf, dass man nicht nur auf die Leser eingeht, sondern ihnen zeigt, dass man sich um ihre Anliegen kümmert, aber auch dadurch, dass man Autoren-Kollegen beweist, dass man ein verlässlicher Kooperationspartner ist.

Das mag für manche Zeitgenossen, die das neoliberale Me, Myself, and I-Prinzip zu weit verinnerlicht haben, schwer nachzuvollziehen sein, aber tatsächlich sind Autoren, mit denen man zusammenarbeiten kann und die vielleicht sogar zu Freunden werden, Multiplikatoren für die eigene Kunst, ebenso wie du selbst zum Multiplikatoren für deine Kollegen wirst. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, das Wissen oder die Verbindungen von jemand anderen abzugreifen, sondern um eine Idee, die inzwischen fast schon vergessen wurde: Solidarität.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je mehr ich mit anderen zusammen auf die Beine stelle, je mehr wir uns gemeinsam helfen, desto mehr Möglichkeiten haben sich für uns alle entwickelt. Das fängt damit an, dass man zusammen Lesungen hält, auf Cons gemeinsame Stände aufmacht oder aber seine Texte gegenseitig Korrektur liest. So baut sich gegenseitiges Vertrauen auf, dass über den bloßen Austausch hinausgeht und für alle neue Möglichkeiten eröffnet.

  1. Eine Commodity ist eine beliebig austauschbare Ware, bei der sich das Einzelstück nicht durch spezifische Eigenschaften, sondern nur durch den Preis unterscheidet. Die Wikipedia schreibt hierzu Folgendes: “The term commodity is specifically used for an economic good or service when the demand for it has no qualitative differentiation across a market. In other words, a commodity good or service has full or partial but substantial fungibility; that is, the market treats its instances as equivalent or nearly so with no regard to who produced them.” (Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Commodity). Commoditys sind zum Beispiel Rohstoffe wie Metall und Kohle, aber auch Produkte wie zum Beispiel Taschentücher, Gemüse und vieles mehr. In manchen Fällen ist nicht wichtig, ob es sich tatsächlich um einheitliche und “eigenschaftslose” Waren handelt, sondern vielmehr, dass ein Produkt als Commodity wahrgenommen wird.
  2. Natürlich ist eine Zahl von rund 60 Befragten weit davon entfernt, repräsentativ zu sein, lässt aber zumindest eine Tendenz erahnen und wahrscheinlich das Beste, was man als Self Publisher ohne echte Ressourcen für die Marktforschung erreichen kann.

Dienstag, 27. Juni 2017

Zehn Thesen zum Thema Professionalisierung im Self- und Independent Publishing

Es gibt eine Ausdifferenzierung der Indie-Szene in Hobbyisten und (Semi)Professionelle. Während die Hobbyisten im Wesentlichen nur für ihre eigene Freude schreiben, sehen die professionellen Indie-Autoren / Self Publisher ihr Schreiben nicht nur als Leidenschaft an, sondern haben den Anspruch, Literatur als ein (künstlerisches) Produkt herzustellen, für das die Leser bereit sind, Geld auszugeben. Daraus lassen sich einige Punkte ableiten, die einen Indie Autoren / Self Publisher auf dem Weg zur Professionalisierung ausmachen:
  1. Für den professionellen Indie Autor / Self Publisher ist das Schreiben nicht nur Leidenschaft, sondern auch ein Geschäft. Das Buch soll sich verkaufen.
  2. Der Indie Autor / Self Publisher richtet seine Veröffentlichungstätigkeiten nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus.
  3. Der Indie Autor / Self Publisher sieht sich als Entrepreneur, der ein Produkt (das Buch) unter hohem Risiko auf den Markt bringt.
  4. Der Indie Autor / Self Publisher versucht nicht nur, ein guter Schreiber zu sein, sondern auch, seine Kenntnisse, was die Produktion und Vermarktung von Büchern angeht, zu erweitern.
  5. Der Indie Autor informiert sich über neue technische und verlegerische Möglichkeiten und nutzt diese, soweit sinnvoll. D. h. er isher versucht, seine Produktionsprozesse fortwährend zu optimieren.
  6. Der Indie Autor / Self Publisher hält seine Kosten im Blick und plant seine Autorentätigkeit strategisch.
  7. Der Indie Autor / Self Publisher behält die Wünsche seiner Kundenbasis im Blick.
  8. Der Indie Autor / Self Publisher geht Kooperationen mit anderen Autoren zum gegenseitigen Nutzen ein.
  9. Der Indie Autor / Self Publisher geht angemessen und professionell mit Dienstleistern, Kooperationspartnern und Kunden (Lesern) um.
  10. Der Indie Autor / Self Publisher versteht sich als Teil der Selfpublisher-Szene und ist bestrebt, ihre Entwicklung voranzutreiben.

Donnerstag, 6. April 2017

Manchmal wird ein Ertrinkender gerettet


Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit ein Gespräch mit einem älteren Arbeitskollegen, der etwas sehr Weises gesagt hat, ohne es selbst wirklich zu bemerken. Es war eigentlich eines dieser Flurgespräche, die man so führt, wenn man unterwegs ist, weil man etwas zu erledigen hat, aber das Ergebnis weißt weit darüber hinaus.

Mein Kollege hatte gerade das Büro betreten und war in mein Zimmer gekommen, um mir guten Morgen zu sagen. Da fiel ihm auf, dass der Ficus auf meinem Schreibtisch neue Blätter hatte wachsen lassen. Das war lange Zeit nicht so, weil er Anfang des letzten Jahres sämliche Blätter abgeworfen hatte und nur noch ein Skelett aus Ästen übrig geblieben war. Die Ursache lag darin begründet, dass ich und meine Kollegen, die sich das Büro mit mir teilen, es zu gut mit dem Baum gemeint hatten. Wir hatten nicht abgesprochen, wer in den Wintermonaten den Baum gießen sollte und so hatte jeder ordentlich Wasser in den Blumentopf geschüttet. Die Folge davon war, dass er schlicht ertrunken war. Mein Arbeitskollege meinte jedenfalls:

"Oh, der hat sich aber gut erholt! Hat ja wieder richtig viele Blätter. Das war ja nicht immer so."

"Wir haben es damals zu gut mit dem Baum gemeint. Jeder hatte gedacht, die Anderen hätten den Baum nicht gegossen und so ist er dann ertrunken."

"Ah, das erklärt Einiges. Der sah ja nicht mehr ansehnlich aus, so als Gerippe. Ich hab mich gewundert, dass Sie den damals nicht einfach weggeschmissen haben."

"Ich wollte den Baum nicht einfach aufgeben – Jeder hat eine zweite Chance verdient."

Mein Kollege sah sich den Baum einige Sekunden ruhig an, dann sagte er:

"Herr Sandhoff, wissense was, manchmal kann man Ertrinkende retten!"

Mittwoch, 22. März 2017

Die Einsamkeit des Autors in der Lesung: Ein Erfahrungsbericht

Lesungen zu halten ist für Autoren oft erstrebenswertes Ziel und angstbehaftete Vorstellung zugleich. Dennoch sind Lesungen ein wichtiger Schritt, den jede(r) Autor(in) machen sollte, weil es der einzige Weg ist, mit der Leserschaft wirklich in Kontakt zu treten. Ein großes Problem, vor dem auch erfahrene Autoren stehen, besteht aber darin, die Leser zur Teilnahme an der Lesung zu motivieren. Jörg Benne, Autor des Fantasy-Romans „Die Stunde der Helden“, kann ein Lied davon singen und hat sich bereit erklärt, uns seine Erfahrungen in einem kurzen Bericht zu schildern.

Wenn man nicht gerade Markus Heitz oder Kai Meyer heißt, hat man es als Fantasy-Autor mit Lesungen schwer. Die junge Klientel schaut lieber Game of Thrones im TV, als auf Lesungen zu gehen und die älteren, die gern Lesungen besuchen, winken beim Thema Fantasy ab. Aber bei den vielen Rollenspiel-Cons, die über das Jahr stattfinden, hat man die jungen Leute doch vor Ort, dachte ich mir. Da kann man sicher ein paar für eine Fantasy-Lesung begeistern. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte – dazu hier ein kleiner Erfahrungsbericht.

Mein erster Versuch war im Juli 2015 auf der FeenCon in Bonn. Hier kamen zwei Dinge zusammen: Erstens das heißeste Wochenende des Jahres mit 39° (viele erinnern sich sicher), was dazu führte, dass man es in der Stadthalle Bad Godesberg kaum aushalten konnte und die wenigen Besucher sich lieber in den Außenbereichen herumtrieben. Zweitens mein Unwissen, dass solche Wochenend-Cons am Sonntag oft nur noch austrudeln und somit deutlich weniger Besucher da sind. Beides zusammen führte dazu, dass sich niemand in dem stickigen Raum für die Lesung einfinden wollte und ich unverrichteter Dinge von dannen ziehen musste.

Anfang August war ich dann auf der RatCon in Unna (die mittlerweile nach Limburg umgezogen ist). Die war deutlich besser besucht, diesmal hatte ich meine Lesung auch am Samstag. ABER zum einen wurde das damals brandneue „Das Schwarze Auge 5“ in mehreren Workshops präsentiert, die viele Leute abzogen und zweitens wurden die Lesungen in einen abgelegenen Raum abgeschoben, wohin sich kaum einer verirrte. Immerhin, zwei Zuhörer hatte ich diesmal, eine davon war die Kollegin Judith Vogt, bei der ich zuvor zugehört hatte.

Wenig später folgte die MantiCon in Heppenheim, die Hausmesse meines Verlages. Die Starkenburg war eine tolle Location, leider brachte die Auktion von Rollenspiel-Utensilien den Zeitplan total durcheinander, so dass ich auch hier nur zwei Zuhörer begrüßen durfte – mit dem Verleger Torsten Low auch diesmal wieder einen „Kollegen“, dessen Lesung ich zuvor besucht hatte.

Damit hatte ich dann auch den Kaffee auf, wie man bei uns im Ruhrgebiet sagt. Rollenspiel-Cons ziehen zwar viele Fantasy-Begeisterte an, aber die wollen in erster Linie an Testrunden teilnehmen und über ihr Hobby fabulieren, Lesungen sind da allenfalls als Pausenfüller von Interesse. Da braucht man auch ein bisschen Glück, damit die eigene Lesung auch in eine solche fällt, es besteht also erhöhte Frustgefahr, wenn man dort eine Lesung ausrichtet.

Aber es gibt auch eine Ausnahme: Den BuCon, der jedes Jahr zeitgleich zur Frankfurter Buchmesse in Dreieich stattfindet und sich nur um Bücher dreht. Dort hat man jede Menge Zuhörer, das hat sich allerdings auch unter Autoren längst herumgesprochen, so dass es immer deutlich mehr Bewerber als Leseslots gibt. Aber den Versuch ist es jedenfalls wert. Vielleicht habe ich ja dieses Jahr Glück.

Über den Autor:
Jörg Benne erblickte 1975 in Bottrop-Kirchhellen das Licht der Welt und begann schon in der Grundschule Geschichten zu verfassen. In der Jugend begeisterte er sich für Phantastik und vollendete seinen ersten Fantasy-Roman mit 20, fand dafür auch einen Verlag, erlebte bei der weiteren Zusammenarbeit, die schließlich im Sande verlief, aber eine bittere Enttäuschung und wandte sich vorübergehend vom Schreiben ab.

Erst um 2006 begann er wieder mit dem Schreiben und vollendete 2008 den Roman „Das Schicksal der Paladine – Verschollen“, der 2012 im Koios-Verlag als sein Debut erschien, zwei weitere Teile folgten. Aktuell arbeit er an weiteren Fantasy-Romanen in der Welt von Nuareth.

Sein aktueller Roman ist "Die Stunde der Helden", erschienen im Mantikore Verlag 2015.

Weitere Informationen findet ihr auf seiner lesenswerten Website: http://joergbenne.de

Einen Einblick in die Welt von Nuareth könnt ihr hier bekommen: http://bit.ly/heldentaten_lf

Samstag, 4. Februar 2017

Kann Fantasy auch politisch sein?

Fantasy bzw. phantastische Literatur wird in der Regel nicht als politisch wahrgenommen. Aber ist das wirklich so? Ist Fantasy nicht reiner Eskapismus, der sich mit Welten weit jenseits der Realität befasst? Ein genauer Blick zeigt, dass Fantasy sehr wohl auch politische Themen aufgreifen kann, auch wenn das nicht immer so offensichtlich geschieht.

Das Klischee vom Fantasykonsumenten sieht jedenfalls anders aus. Fantasy ist angeblich etwas für versponnene Personen, die miit der Realität nicht zurechtkommen und sich deshalb in eine eingebildete Welt mit klaren Strukturen von schwarz und weiß bzw. gut und böse flüchten. Tatsache ist, dass viele Fantasy-Romane (insbesondere solche, die mehr oder weniger dreist bei Tolkien abkupfern) dieses Klischees bedienen, um schnelle Leseware auf den Markt zu werfen.

Zu behaupten, dass Fantasy aber nichts weiter wäre als billige Unterhaltungsware, ist völlig falsch. Gute Fantasy mag zwar keinen offensichtlichen Bezug zu unserer Realität haben, weil sie nicht realistisch in dem Sinne ist, dass sie die Ereignisse in unsere Welt abbildet (sie ist nicht mimetisch), sie vermag dennoch etwas über unsere Welt auszusagen. Dass ihr diese Fähigkeit in schöner Regelmäßigkeit abgesprochen wird, liegt wohl auch daran, dass ein unter Kritikern und Literaturwissenschaftlern weit verbreitetes, wenn auch nicht immer ausgesprochenes) Vorurteil lautet, gute Literatur habe im wesentlichen mimetisch zu sein 1, von einigen künstlerischen Eskapaden bedeutender Autoren einmal abgesehen. Ich stelle hier die These auf, dass Fantasy keinen abbildenden Charakter hat, sondern im Wesentlichen ein simulationistisches Genre darstellt. Es zeigt uns nicht so sehr in künstlerisch verbrämter Form, was ist, sondern dass, was sein könnte, wenn man bestimmte Prämissen anders setzen würde. Das gilt ganz allgemein für die phantastische Literatur, nicht nur für die klassische Fantasy-Story, wie ich sie verstehe 2. Nicht umsonst sind auch die Utopie und die Dystopie Teil der phantastischen Literatur, ebenso wie man im weiteren Sinne die Science Fiction dazuzählen kann.

Tolkien zum Beispiel erzählt uns in seinen Kunstmythen um seine Welt Mittelerde nicht nur Geschichten über den Kampf des Guten gegen das Böse – das ist nur der offensichtliche Teil – sondern gibt uns auch eine Lektion in ökologischem Denken. Das beginnt schon im Simarillion, wenn die Valar in die Musik Illuvatars mit einstimmen und Melkor versucht, seine eigene Melodie in den Gesang miteinzubringen. Jenseits der offensichtlichen Bedeutung der Auflehnung gegen einen Schöpfergott findet man hier unterliegend noch ein weiteres und meines Erachtens tiefergehendes Motiv. Melkor versucht in den Lauf der Natur einzugreifen und diese nach seinem Willen zu formen. Dies wiederum führt aber dazu, dass ebendiese Natur geschädigt wird.

Dieses Grundmotiv setzt sich auch in vielen anderen Erzählungen Tolkiens fort und zieht als ein Grundstrang durch sein gesamtes Werk. Nicht umsonst nutzen die “Bösen” Technik, um sich ihre Gegner und letzendlich die Welt selbst zu unterwerfen, was zu weitreichenden Zerstörungen und Krieg führt. Im Gegensatz dazu herrscht weitgehend Frieden bei denen, die mit der Natur in Einklang leben, so zum Beispiel in Galadriels Reich, in Fangorn, bei Tom Bombadil usw. Das heißt aber nicht, dass diese Orte des Friedens vor der Zerstörung geschützt wären. Die soziale Sphäre wird durch die Technik ebenso bedroht wie Natur selbst, von der die erstere abhängt.

Ein anderes Beispiel aus der Fantasy im weiteren Sinne sind die Harry Potter Bücher, in denen es nicht nur um die Abenteuer des heranwachsenden Zauberers und seiner Freunde geht, sondern auch um Themen mit eindeutig politischem Charakter: Da ist zum einen der offenkundige Rassismus der Todesser und ihrer faschistoiden Hierarchie, dann das Thema des zivilen Ungehorsams, aber auch die Kritik am Spießertum, wie es durch die Dursleys verkörpert wird.

Man kann sich auch “Traumfinder” von Roger Taylor ansehen, in dem es letztendlich um die Auswirkungen von Propaganda und Manipulation geht, oder “die fernen Königreiche”, die zeigen, wie sehr Gier und Macht Menschen verbiegen können oder auch die Erdsee-Bände von Ursula K. Le Guin in denen neben grundsätzlichen philosoph-existenziellen Fragen auch ein ganzes Bündel an politischen Themen abgehandelt wird.

Doch wozu das alles? Wie schon gesagt gehe ich davon aus, dass Literatur, sei sie nun realistisch-mimetisch oder simulationistisch-fantastisch, uns immer zeigt, was sein könnte. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Geschichten liegt im Wesentlichn darin, dass sich die Parameter der angenommenen Welt ändern, so dass sich ein Spektrum vom Realistischen hin zum Phantastischen ergibt. Auf diese Weise wird es uns als Menschen, Autoren, Lesern möglich auszuloten, was sein könnte, so dass wir durch die Literatur die Chance bekommen, uns Alternativen zum allgemein akzeptierten Lauf der Dinge vorzustellen. Sie sagt uns “So wie es ist muss es nicht unbedingt sein! Es könnte auch anders anders sein.”. Nicht umsonst fordern die Protagonisten vieler (fast aller) Erzählungen den akzeptierten Stand der Dinge heraus. Und vermutlich ist das auch der Grund, warum autoritäre Machthaber immer auch die Künstler angreifen, die sich nicht sofort dem System anbiedern, weil sie wissen, wieviel Macht eine Erzählung entwickeln kann.

Anmerkungen

  1. “Mimetisch” bezieht sich in diesem Falle nur auf die Inhaltsebene insofern, als das diese vorgibt die Welt “wie sie ist” abzubilden. Das bezieht sich nicht auf die äußere Form der Narration, die das gesammte Spektrum von naturalistisch dem Lauf der Ereignisse folgend sein kann (z.B. im “Bahnwärter Thiel”) oder aber fragmentiert wie in “Mutmassungen über Jakob” oder “Manhattan Transfer” – beide geben vor, in unserer Welt zu Spielen.
  2. Für mich ist die eigentliche Fantasy definiert durch die Subgenres der High Fantasy und der Sword and Sorcery, die den Ursprung dessen bilden, was heute als Fantasy bezeichnet wird. Alle anderen Erzählungen würde ich zum weiten Feld der “Literatur des Phantastischen” zählen, die alle mehr oder weniger phantastische Elemente, aber nicht eine von uns unabhängig existierende Welt mit eigenen Gesetzlichkeiten beinhaltet, die zwar durch Protale wie den Schrank in C.S. Lewis Narnia-Romanen erreicht werden kann, aber trotzdem nach eigenen Regeln funktioniert.

Freitag, 16. Dezember 2016

Wenn du etwas kannst, sei stolz darauf

Ich habe oft erlebt, das gerade solche Leute, die besonders talentiert sind, sich nicht trauen, ihre Kunstwerke, Texte oder was auch immer einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Gerade bei introvertierten Zeitgenoss(inn)en scheint das der Fall zu sein. Sie haben ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Aber das ist nur eine Illusion.

Obwohl dieses Gefühl nur eine Illusion sein mag, ist es doch ein manifestes Problem. Es verleitet die von ihm Betroffenen dazu, ihre Arbeiten nicht herzuzeigen, oder aber, was fataler ist, Arbeiten nicht fertigzustellen. Manche bleiben auch auf einem Niveau, dass ihren Potenzialen nicht entspricht, um sich nicht der Gefahr des Scheiterns aussetzen zu müssen.

 

Den Knoten lösen


Wie aber kann man dem entgegentreten. Ein Vergleich mit anderen ist aller Wahrscheinlichkeit nach kontraproduktiv, da das meist dazu führt, dass man sich mit Anderen vergleicht und so auf die (vermeintlichen) Unzulänglichkeiten des eigenen Schaffens gestoßen wird. Gerade bei sozialen Netzwerken kriegt man so viele Arbeiten von anderen präsentiert, die ebenfalls gut oder vielleicht sogar besser sind, als das, was man auf seinem aktuellen Stand hinbekommt, so dass man eher heruntergezogen wird und die eigenen Arbeiten entwertet.

Ich denke, dass der einzige Weg, aus dieser selbstgestellten Falle herauszukommen, darin liegt, dass man hinnimmt, dass die eigenen Arbeite weit vom eigenen Anspruch entfernt sind, und sie dennoch zeigt, während man im Hintergrund weiter daran arbeitet, sein eigenes Können zu perfektionieren, soweit das eigene Talent trägt. Man muss sich klar sein, dass man nicht ein vollendetes Werk zeigt, sondern vielmehr hinausgeht, um der Welt zu zeigen, welchen Weg man eingeschlagen hat. Wenn man seine Projekte weniger als abgeschlossene Werke und mehr als Wegmarken auf dem Weg hin zu einem Gesamtziel sieht, dann fällt es auch leichter, diese einem Publikum zu präsentieren.

 

Lob muss man aushalten


Ich habe bei vielen Leuten, die ich für talentiert halt gesehen, dass sie so gut wie überhaupt nicht mit Lob umgehen können. Das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass viele Künstler (Maler, Autoren usw.) das oben geschilderte Problem haben. Man selbst glaubt nicht an die Qualität des eigenen Produkts und kann deshalb auch das Lob von Anderen nicht annehmen. Tatsächlich geht es aber gar nicht darum, wie man selbst sich mit seinem Werk fühlt, sondern darum, was die Anderen darin sehen, denn schließlich besteht das Publikum aus den Menschen, denen wir unser Werk präsentieren (und eventuell verkaufen) wollen. Lob muss man aushalten. So einfach ist das.

Es geht nicht darum, sich auf die eigenen Unzulänglichkeiten zu konzentrieren. Auf diese Weise hat man versagt, ohne überhaupt begonnen zu haben. Man tritt auch nicht an, um sich mit dem, was man tut gut zu fühlen, sondern dazu, den Zuhörern, Lesern, Betrachtern, das beste Erlebnis zu geben, zu dem man fähig ist, ganz egal, wie klein oder groß dieses Erlebnis auch sein mag. Und wenn man zum Beispiel auf einer Lesung auf die Schnauze fällt, dann ist das kein Grund, sich wimmernd in der Ecke zu verkriechen, sondern zu schauen: "Was habe ich falsch gemacht? Und was kann ich besser machen?" Man kann etwas scheiße machen, aber wenn man nicht einmal Scheiße baut, dann macht man nichts.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Über Schreibratgeber, Kontrolle und die Angst des Autors vor dem Schreiben

Wenn ich mich in den verschiedenen Schreibgruppen zum Beispiel auf Facebook oder Google plus herumtreibe fällt mir immer wieder ein bestimmter Autorentyp auf: Ich möchte diesen den/die unsichere Autor(in) nennen. Besagter Typ ist in der Regel noch nicht lange (Hobby)autor und sich seiner Fähigkeiten und Ziele noch nicht so recht bewusst. Fasst immer bekommt ein(e) Autor(in) dieses Typs irgendwann den Tipp, einen der vielen Schreibratgeber zu konsultieren, sofern er/sie nicht schon von selbst danach gefragt hat. Als ob Schreibratgeber eine Lösung wären...

 

Es richtig machen

 

Dahinter steckt der Wunsch, es richtig zu machen, bzw. den Weg gesagt zu bekommen, wie man es richtig macht. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass einem die Schreibratgeber sagen, wie man "es richtig macht". Aber das ist genau die falsche Herangehensweise. Schreibratgeber sollte man nicht wie Bedienungsanleitungen lesen, die dem Autoren sagen, wie er die Elemente seiner Geschichte zusammenbauen soll, damit sie funktioniert (wenn es so einfach wäre, hätten Maschinen das Geschichtenschreiben schon längst übernommen) sondern eher wie ein Reiseratgeber, die einem Autor ähnlich einem Touristen Anregungen geben, welche Stelle und Aktivitäten im großen Feld der Literatur für ihn interessant sein können.

Es gibt kein Patentrezept

 

Man muss sich klar darüber sein, dass es nicht den einen Weg oder das eine Patentrezept gibt, um einen guten, literarischen Text zu schreiben, sondern darum, sich die Mittel anzueignen, die einem ermöglichen, eine adäquate Story zu Papier zu bringen. Ein Schreibratgeber zeigt dem Autor Möglichkeiten auf. Diese realisieren muss der Autor selbst. Letztendlich kommt man nur durch Übung und Ausprobieren dazu, ein besserer Autor zu werden. Die Wahrheit ist: Man muss jede Menge Mist schreiben, um am Ende wirklich gut zu werden. Und man darf dabei nicht vergessen, dass man als Autor nicht allein arbeiten muss. Im Gegenteil – sich mit anderen auszutauschen, kann einen selbst und die Anderen enorm weiterbringen, wenn die Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit beruht.

 

Freiheit und Selbstbeherrschung


Viele Autoren fühlen sich trotzdem verunsichert, wie sie schreiben sollen. Dahinter steckt m. E. die Angst, Kontrolle abzugeben. Aber das ist ein Fehler. Das höchste Maß an Beherrschung zeigt derjenige, der im richtigen Moment die Kontrolle fallen lassen kann. Das gilt nicht nur für das Schreiben, sondern auch für alle anderen Kunstformen. Um dorthin zu kommen, wo das Schreiben (oder was auch immer) wie selbstverständlich erscheint, braucht es aber, wie bereits gesagt, beständige Übung und Arbeit. Ein guter Schriftsteller wird nur der, der immer wieder von neuen sein Schreiben übt und an seinen Fähigkeiten schleift. Grenzen sind nur dazu da, um weiter hinausgeschoben zu werden. 


Man muss wie der Albatross werden, der zum ersten Mal auf die Klippe zu rennt. Je näher der Rand kommt, desto größer wird die Furcht und vielleicht bricht der Vogel seinen Start ein um das andere Mal ab. Doch dann schließlich hat er den Rand erreicht und springt. Und statt zu stürzen wird er von der Luft getragen, fliegt und das Fliegen ist so viel besser als jeder Schritt, den er auf der Erde machen musste.


Dieser Albatross bist du.

Freitag, 5. August 2016

Manga und Anime als Inspirationsquellen für Pokemon

In meinem letzten Post hatte ich mich mit mit den Pokemon und ihrer Wirkung als Marketing-Instrument befasst. Heute geht es darum zu schauen, aus welchen Quellen das Pokemon-Universum schöpft.

Denn natürlich entsteht eine Serie wie Pokemon und das mit ihr verbundene Spiel nicht im leeren Raum, sondern haben Vorläufer und Quellen, auf die sie sich stützen (die Verbindung zwischen Tamagotchi und Pokémon wurde bereits erwähnt). Eine dieser Traditionslinien ist die Form des japanischen Zeichentrickfilms (Animé) und Comics (Manga), die im Wesentlichen die Erscheinung der Figuren bestimmen. Typisch ist für viele Mangas und Anime der Stil der Figuren, der ein kindliches Aussehen mit unrealistisch großen, runden Augen verbindet. Hinzu kommt im Falle des Anime eine charakteristische Farbgebung, die meist flächig gehalten ist und Schatten nur andeutet, indem die Schattenpartien etwas abgedunkelt werden 1.

Ebenfalls für Anime charakteristisch ist, dass oft nur Teile der Figur animiert werden, während der Rest unbeweglich bleibt. Dies gilt besonders für Gesichtsanimationen. Vergleicht man zum Beispiel einen Donald Duck-Cartoon und Pokémon, so fällt sofort der Unterschied auf. Donalds Körper ist ständig von Bewegung erfüllt, die Pokémon wirken teilweise wie erstarrt - besonders in den Kampfszenen, in denen sich nicht die Figur, sondern nur der Hintergrund bewegt 2.
Begründet hat diesen spezifischen Stil des modernen Manga ein Autor namens Osamu Tezuka, dem es gelang, westliche (durch importierte Disney-Produkte geprägte) Einflüsse und japanische Erzähl- und Zeichentechnik miteinander zu verschmelzen 3. Tezuka wurde 1928 in Osaka geboren. Seine Eltern waren stark an Kunst interessiert, so dass er schon früh und oft Kontakt zu dieser hatte. Dennoch startete er seine Karriere erst nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1950, wo er Kimba, der weıße Löwe, als Manga zeichnete. 1963 folgte seine erste Animeserie Tetsuwan atomu 4.

Nahezu alle Quellen sind sich einig, dass Tezuka den typischen Anime/Manga-Stil begründet hat. Als Beispiel sei hier nur Jesse Stanley zitiert:
Osamu Tezuka’s techniques have had a profound impact on all manga and anime that followed him. For instance, the large, sparkling, anatomically incorrect eyes that seem to be prevalent in manga and anime these days can all be attributed to Tezuka’s influence, as this was the style that he drew in. He was also one of the first writers to try and tackle serious mature themes in his work, paving the way for such deeply philosophical and introspective films as Ghost in the Shell and Mononoke Hime. His influence on the Japanese animation market could be roughly paralleled to Disney’s. The Seibu Lions baseball team uses one of his most famous characters, Leo the Lion as their mascot, and Atomo (known as Astro Boy in the US) sells a number of products on TV today. He is still widely popular in Japan today, with a large fan base, both young and old 5.

Lange Tradition

Mangas bzw. deren Vorläufer haben in Japan eine lange Tradition, die sehr weit in die japanische Geschichte zurückreicht. Schon vor Hunderten von Jahren wurden Bilder mit erzählendem Inhalt angefertigt, aus deren Tradition der Formenschatz des Mangas schöpft.

Da wäre zunächst der Toba-e Stil zu nennen, welcher auf 1053 n. Chr. datiert 6. Unmittelbarer Vorgänger der Mangas ist der Ukiyo-e-Stil,I der den meisten Europäern als japanischer Holzschnitt in der einen oder anderen Form bekannt sein dürfte (z. B. die Holzschnitte Katsushika Hokusais, der übrigens seine Skizzenbücher ab 1812 Manga (Man = spontan, ga = Bild) nannte. In diesen tauchten schon einzelne Bildfolgen auf.) 7. Aus ihnen entwickelte sich die spezifische Form des Mangas.
The tradition of Japanese prints changed with westernization. Manga developed from these prints in a sort of hybrid between Western comics and Japanese prints whose flavor was distinctly Japanese. But why is manga so popular? American comic books have been reduced to children’s fare, not allowed to grow as literature or art very much. The stories are often unsophisticated and childish. But manga is not relegated to the side just because they are comic books 8.
Der Japanische Comic ist also kein reiner “West-Import”, sondern hat ganz eigene, typische Stilmerkmale, wobei große, runde Augen, bizarre Frisuren, die allen physikalischen Gesetzen trotzen und intensive Lichteffekte ebenso zu den charakteristischen Merkmalen gehören wie bestimmte Bewegungsabläufe und Gesten im Stile von »THE MATRIX« 9.

Es gibt zudem einige wichtige Unterschiede, die Mangas aus der Masse der Comics herausheben. Manga werden von hinten nach vorn gelesen. Sie sind (aufgrund der hohen Seitenzahlen) fast ausschließlich in schwarzweiß gedruckt. Bevor ein Manga in Buchstärke aufgelegt wird, wird zunächst eine Vorabserie in Heftform gedruckt. Diesen Heften sind Antwortkarten an den Verlag beigelegt, die dazu dienen, die Leserresonanz abzufragen und das Produkt den Wünschen des Publikums anpassen zu können. Erst dann wird das eigentliche Manga veröffentlicht.

Eine eigene visuelle Grammatik

Der wichtigste Unterschied zum amerikanischen oder europäischen Comic ist jedoch, dass das Manga einer anderen visuellen Grammatik folgt. So werden die Handlungsabläufe in Mangas sehr viel stärker durch einzelne Bilder strukturiert, als dies bei ihren amerikanisch-europäischen Gegenstücken der Fall ist. Wird zum Beispiel in einem amerikanischen Comic eine Handlung in einem einzigen Bild (z. B. dem Gang durch eine Bahnhofshalle) dargestellt, bricht der Manga diese Situation in eine Reihe visueller Splitter auf. Zunächst könnte man vielleicht ein Bild des Zuges sehen, dann eine Menschenmenge, im nächsten Bild ein Gesicht, im darauf Folgenden ein zweites, schließlich zwei Menschen, die über einen Bahnsteig laufen. Auch die Sprache wird wesentlich sparsamer venNendet. Reihen sich im amerikanisch-europäischen Comic Sprechblase auf Sprechblase aneinander, so wird im Manga vieles durch Körpersprache, Gestik und Mimik der Figuren ausgedrückt. Gerne werden auch Stilllebenartige Bilder genommen, um Stimmungen einzufangen 10.

Zu beachten ist, dass Mangas nicht notwendigerweise Kinderliteratur sein müssen, sondern alle Alterssparten und Niveaustufen abdecken. Interessant als beiläufige Anmerkung mag sein, dass Mangas kein Tabu kennen 11, das die Darstellung von Tod oder Sexualität verbietet, wie es in europäischen und amerikanischen Comics häufig zu finden ist. Mangafiguren müssen auch nicht dem »Superheldenklischee« entsprechen. Manga-Charaktere sind in der Regel vergleichsweise normale Personen, die ein Privatleben besitzen, zur Schule gehen usw., die aber bestimmte Züge haben, die sie zu etwas besonderem machen. In der Regel haben sowohl “Gute” als auch “Böse” differenzierte Ziele, die ihr Handeln erklären und plausibel machen 12.

Pokémon, das Hong Kong-Kino und Godzilla

Auch das Genre des Hong Kong-Kinos mit ihren Martial Arts-Filmen hat einen gewissen Einfluss auf die Darstellung der Pokémon, speziell, was die Posen und Attacken der Tiere angeht. Allerdings ist dieser Einfluss nicht über zu bewerten, da es sich wohl eher um ein generelles Phänomen der japanischen Populär-Kultur handelt.

Auch die Godzilla-Filme haben Einfluss auf die Pokémon gehabt. Hierzu gehört zunächst die Idee, dass es fabelhafte Monster __ gibt, die gegeneinander antreten, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Ferner sind die Urweltmonster in der Lage, außergewöhnliche (PSI-)Kräfte zu venNenden (So kann Godzilla atomare Strahlen speien.). Zu guter Letzt lässt sich auch das generelle Design der Pokémon auf die Godzilla-Filme zurückführen. So erscheint zum Beispiel ein Kampf zwischen Sichlor und Glurak wie eine verniedlichte Version des Kampfes zwischen Godzilla und lg“ Destroyah (ein Insektenwesen), allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass bei letzteren eine ganze Stadt winziger Modelle in Schutt und Asche gelegt wird.

  1. Als Prototypen für ein Anime mögen die Serien »Heidi« und »Captain Future« dienen.
  2. Man muss allerdings zugestehen, dass dies nicht nur auf eine animespezifische Ausdrucksform zurückzuführen ist, sondern sich auch auf die Kampfszenen des Computerspiels bezieht, in denen die Figuren in ganz ähnlicher Weise gegenübergestellt werden.
  3. Es gab zwar auch schon zuvor als Manga bezeichnete Comics (der erste jap. Comic datiert auf 1902), die sich an westlichen Vorbildern orientierten, der besondere, charakteristische Stil des heutigen Mangas leitet sich aber eindeutig von Tezuka ab. vgl. Knigge, Andreas C. :, »Comics - vom Massenblatt ins multimediale Abenteuer«, Reinbeck bei Hamburg 1996, S. 242.
  4. vgl. Knigge, Andreas C. :, »Comics - vom Massenblatt ins multimediale Abenteuer«, Reinbeck bei Hamburg 1996, S. 243 u. 244.
  5. Stanley, Jesse:, »Anime lOl«; http://www. earlham. edu/ ~iapanink/japanink_anime101.html
  6. Ukiyo-e was all the rage in Europe, very much influencing the emerging Impressionist Movement during the 1800’s. Van Gogh, Monet and others were experimenting with the vibrant colors and painting style ol Japanese prints. In Japan, they had been very popular amongst the merchant and common townspeople during the Edo Era’s peace and prosperity. Printing was cheap and the products sold well, much like manga is today. There was just something about the prints that made them accessible to the masses. The most popular of the prints were ukiyo-e. They depicted illustrations of the “Floating World,” a term that was used to describe the air that of uncertainities in life and the subsequent search for sensual pleasures to sweeten one’s feeling of hopelessness. Like so much of old Japanese art, ukiyo-e projected a sparse reality: without dwelling on anatomy and perspective, they tried to capture a mood, an essence, and an impression. Vgl. Santiago, Ardith:, “Manga, Beyond Ukiyo-e: Aesthetics, Postmodernism and Japan”; http://www.hanabatake.com/research/beyond.html
  7. Toba-e is named in honor of a Buddhist monk known as Toba (A. D. 1053-1140). These works were often humorous. One of the most famous examples is the hilarious Chôjôgiga, or “Animal Scrolls,” a 121h-century satire on the clergy and nobility. They were printed again and again to entertain townspeople.
  8. Santiago, Ardith:, “Manga Beyond Ukiyo-e: Aesthetics, Postmoderism and Japan"; http://hanabatake.com/research/beyond.html
  9. THE MATRIX transportiert die Optik des Animes in den Realfilm.
  10. vgl. McCloud, Scott, „Comics richtig lesen“, Hamburg 1994, S. 111.
  11. lzawa, Eri:, “the new stereotypes of anime and manga”; www.ex.org, ex vol. 2 issue 8.
  12. vgl. lzawa, Eri:, »What are Manga and Anime?«, www.mit.edu:8001/people/rei/Exgl.html

Sonntag, 17. Juli 2016

SCHNAPP. SIE. DIR. ALLE !!! - Kinderkultur und Marketing

 
 
Warum sich als Autor und Literaturblogger mit einem japanischen Computerspiel und der dazugehörigen Zeichentrickserie befassen? Diese Frage könnte man sich stellen, wenn man vom üblichen Klischee ausgeht. Viele würden sogar sagen, dass beides mit Literatur nichts zu tun hat. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass die Pokémon jenseits der Bereiche „guter“ Kinderliteratur über Jahre das Spiel, Rezeptions- und Konsumverhalten zahlreicher Jugendlicher nachhaltig geprägt haben und nun in der Vorstellungswelt der Kinder verankert sind. Grund genug, sich die mit Beidem auseinander zu setzen.

Es wäre auch falsch, die Pokémon so ohne weiteres als „Schund“ abzutun, denn auch wenn sie pädagogisch zweifelhaft sein mögen, kann man ihnen nicht absprechen, dass sie ein geschickt gemachtes Instrument zur Vermarktung eines Produktes sind. Indem der gesamte Pokémon-Komplex alle Bereiche der Lebenswelt seiner jugendlichen Konsumenten (und nicht nur diesen) mit Computerspielen, Fernsehserien und Merchandisingartikeln durchsetzt, bleibt diesen kaum eine Chance, sich ihm zu entziehen - eine Wirkung, die ein schnell und oberflächlich hingeworfenes Konzept niemals hätte erreichen können.

Die Pokémon entstanden Mitte der 90er Jahre 1 als Computerspiel für den Gameboy 2 der Firma Nintendo und können in gewisser Hinsicht als Nachfolger des Tamagotchis 3 betrachtet werden, wobei sich ihr Name aus dem englischen “Pocket” und “Monster” zusammensetzt 4. Erste Konzeptionen zu diesem Spiel wurden im Jahre 1990 entworfen und über einen Zeitraum von sechs Jahren entwickelt, wobei sich der Erfinder des Spiels, Satoshi Tajiri, von der Idee eines Grillenkampfes inspirieren ließ 5. In Deutschland (wie auch in anderen Ländern) wurde die Vermarktung der Pokémon durch eine massive Marketingkampagne eingeleitet, die sukzessive die jugendliche Kundschaft auf das zu kaufende Spiel vorbereitete. Bevor dieses überhaupt erhältlich war (im Jahr 1999) 6, strahlte der Privatsender RTL II die gleichnamige Zeichentrickserie aus, in der anhand eines Protagonisten namens „Ash“ der Spielverlauf erzählerisch dargestellt wurde 7. Erst dann folgte die Lancierung des Spieles auf dem Markt einschließlich der dazugehörigen Merchandisingartikel wie z. B. Stofftiere, Kugelschreiber, Blöcke, Tassen usw. Später wurde die Palette der Pokémon-Spiele um die sog. “Editionen” enreitert, die dasselbe Spiel mit anderem Figurenbestand darstellten. Von Anfang an wurden pro Edition zwei leicht verschiedene Versionen des Spiels ausgegeben, deren Figuren via Datentransfer von einer zur anderen Spielkonsole übertragen werden konnten. Die marketingtechnische Verbindung eines Computerspiels mit Merchandisingartikeln, Comic-Büchern (Mangas) und Zeichentrickserien (Anime) entspricht der üblichen Vorgehensweise der japanischen Spiele- und Medienindustrie. Sowohl werden Manga und Anime in Computerspiele als auch Computerspiele in Manga und Anime umgesetzt, wobei die Pokémon hier keine Ausnahme bilden 8. Jean-Marie Bouissou schreibt hierzu :
»The japanese pop culture industry recreated on a worldwide scale the process that led to its enduring process at home, trough the marketing of licensed goods, videos and plastic toys en masse. Since the bulk of profit comes from these goods, manga and TV-Series can be sold at almost no profit. Their Function is not to make big money, but to open the way to licensed goods. […] Manga help to ascertain the taste of the consumers, then are used as trendsetters. They bring only a meager profit, but are unvaluable tools for merchandizing and advertizing. TV-Series provide hours and hours of free advertizing.« 9

Bindungsstrategien

Das Konzept der Pokémon (Spiel und Serie) stellt eine geschickte Verbindung zwischen verschiedenen menschlichen Bedürfnissen her, um auf diese Weise das zu verkaufende Produkt an das Kind zu bringen.

Da wäre zunächst der Wunsch nach einem Gefährten, mit dem man spielen kann und für den man - in einem gewissen Rahmen natürlich - verantwortlich ist. Dieser Aspekt, den man auch den Pflegeaspekt nennen könnte, ist vom Tamagotchi übernommen. Es geht aber nicht nur darum, sich um seinen Spielgefährten zu kümmern. Als „Trainer“ hat man die Macht, über die Entwicklung und Fähigkeiten seines Pokémons zu bestimmen. Letztendlich wird Pflege auf Dressur bzw. Training reduziert und mit Macht gleichgesetzt.

Als zweites Bedürfnis kommt der Sammeltrieb ins Spiel, der im Untertitel der Serie aufscheint: “Schnapp sie dir alle”. Er dient im Wesentlichen dazu, die Motivation zum Spielen aufrecht zu erhalten. Gestützt wird dies durch die Möglichkeit, Pokémon-Daten auszutauschen. Ähnliches geschieht im Falle der Sammelkarten, die Spiel- und Sammeltrieb in einem Produkt befriedigen und so gewissermaßen ihr eigenes Merchandising betreiben, da sie den Bedarf nach neuen Karten ständig neu anfachen (Eine Eigenschaft dieser Spiele, die man als ethisch fragwürdig ansehen kann, weil sie die Spieler in ein Abhängigkeitsverhältnis setzt, aber dafür ökonomisch um so effizienter ist.).

Das dritte Bedürfnis ist das Verlangen nach Wettstreit. Indem man sein Pokémon gegen andere Pokémon antreten lässt, kann man feststellen, ob man das Spiel beherrscht - also ein guter Trainer ist oder nicht. Auch hier wird durch die Möglichkeit, gegen einen Freund zu spielen, die Bindung an das Spiel verstärkt.
Indem man nun die oben genannten Bedürfnisse in einem Produkt miteinander vereint, bietet sich für das Marketing eine Vielzahl von Möglichkeiten, den kindlichen Kunden an das Produkt zu binden. Das Bedürfnis nach einem Gefährten, der im Falle der Pokémon auch noch pflegeleicht ist und abgestellt werden kann (was sehr bequem ist), wenn man keine Lust auf ihn hat, erzeugt eine emotionale Bindung an das Spiel, die nicht übersehen werden darf. Nicht umsonst ist Pikachu eines der Haupt-Pokémon innerhalb der Serie, obwohl Pokémon vom Pikachu-Typ spieltechnisch gesehen allenfalls als durchschnittlich effiziente Spielfiguren anzusehen sind. Kubo Masakazu, verantwortlich für das Marketing der Pokémon-Filme, erklärt dies folgendermaßen:
»I believe that Pokémon’s success owes largely to our having placed Pikachu in a leading role. As people who have played any of the Game Boy versions of Pokémon know, this character is of little use in the video game; but it was just right for starring in the anime. First, it is cute enough to attract just about any woman, thanks to a winning character design. Second, the coloring is excellent. Yellow really stands out to the human eye; it is one of the three primary colors and also one of the traffic-light colors. On a traffic light, yellow signifies caution. The meanings of these signals are something that has been imprinted in people’s unconscious minds, so yellow and red characters are attention-getting. Yellow is better than red, moreover, because there are very few competitors of that color. The only other famous yellow character that l can think of is Winnie-the-Pooh, which means that when people see Pikachü from a distance, they could mistake it for Pooh but for no other character. This is very important in terms of easy recognition« 10
Aufgabe der Serie ist es nun, den Kindern anhand einer protoypischen Figur zu vermitteln, wie man das Spiel “richtig” spielt. Die prototypische Figur führt vor, wie man die verschiedenen Spielfiguren geschickt einsetzt, schafft die Illusion einer Welt um das Spiel, die dieses allein nicht erzeugen könnte. Die Pokémon bilden in dieser Welt eine Art materieller Schutzgeister, deren Fähigkeiten den Protagonisten vor den Gefahren seiner Welt schützen.

Zudem baut die Serie ein Wertesystem auf, welches die Welt des Spiels organisiert und erläutert. Neben der simplen Differenz zwischen Gut und Böse, die durch Ash samt Begleitern und seinen Gegnern vom Team Rocket aufgespannt wird (wobei der Unterschied nicht wirklich klar herauszukristallisieren ist, bleiben doch „Gut“ und „Böse“ seltsam leer), könnte man die Arenaleiter und Dr. Eich als Repräsentanten der Erwachsenenwelt ansehen, die aber nur am Rande der Handlung eine Rolle als limitierendes Element oder Ratgeber spielen. Indem die Welt der Pokémon im Wesentlichen eine Welt der Kinder und Jugendlichen ist, erleichtert sie die Identifikation der Kinder mit ihren „Helden“ 11.

Die Verschmelzung von Unterhaltung und Marketing

Die Pokémon-Zeichentrickserie ist - obwohl erzählerisch simpel - im Zusammenspiel mit dem zugrunde liegenden Spiel und den diversen Merchandisingartikeln ein effizientes Werkzeug zur Vermarktung eines Produkt- Komplexes. Sie bietet dem Produzenten des Spiels regelmäßige, kostenlose Werbung, die zudem in harmloser Gestalt daherkommt, so dass ihr Werbecharakter für die Rezipienten nicht offensichtlich ist. Hierbei kommt der simplen und sich ständig wiederholenden Erzählweise die Bedeutung zu, die Werte und Inhalte des Spieles zu transportieren, um die Kinder auf das zu kaufende Spiel einzustimmen.

Sie illustriert die dem Spiel zugrunde liegenden Prinzipien des Trainierens, Sammelns und Wettstreitens und gibt ihm einen Hintergrund, den das Spiel alleine nicht erreichen könnte. Dabei ist es wichtig, zwischen animespezifischen und nur für die Pokémon charakteristischen Stilelementen zu differenzieren, will man verstehen, wie die Serie aufgebaut ist. Erst wenn man klar erkennen kann, was über den Merchandising-Charakter der Serie hinausweist, ist man in der Lage, in ihr mehr zu sehen als ein schrilles Spektakel zur Beeinflussung von Kindern. Erst dann kann verstehen, warum die Pokemon seit fast dreizig Jahren erfolgreich sein können.

Im Folgeartikel wird es eine kleine Einführung in die Welt der Mangas und Animes geben.

  1. 1996. vgl. umw.characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm
  2. Ein kleines, tragbares Videospielgerät.
  3. Das Tamagotchi könnte man als elektronisches Haustierbezeichnen, welches in Form eines kleinen, eiförmigen Videospiels daherkommt. Das Tamagotchi entwickelt ähnlich wie ein echtes Haustier nach seiner Aktivierung ein programmiertes Eigenleben mit Bedürfnissen (z. B. Hunger) und Eigenheiten (es kann z. B. brav oder ungezogen sein). je nach dem, wie man sein Tamagotchi erzieht, entwickelt es sich zu einem guten oder bösen Tier, wobei die jeweilige Entwicklung an einem kleinen LCD-BiIdschirm zu sehen ist (in Form eines kleinen Cartoon-Tieres).
  4. ln einer anderen Variante leitet sich Pokémon aus dem japanischen Poketto Monster ab, was ebenfalls soviel wie „Taschen Monster“ bedeutet. vgl. www.characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm.
  5. vgl. characterproducts.com/info/character_historys/Pokémon_doon~ay.htm.
  6. vgl. Retter, Hein:, „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz - Zum Wandel des Spiels in der gegenwärtigen Gesellschaft“, Abschnitt 4, Tübingen 20m; http://umwtu-bsde/institute/allg-paedagogik/kinderspiel.htm. (lm Folgenden zitiert als „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz“.).
  7. Der Pokémon-Serie war übrigens ein immenser Erfolg zu eigen, wie folgendes Zitat belegen mag: „In order to first categorise the use quantitatively here is a GfK ratings data sheet for Germany. ln the first half of 2000 over one million watched the programme that was transmitted at 2.45pm every day. The age structure, i.e. the age groups over which the viewers are distributed, shows that it is chiefly children who watch the programme. Pokémon appeals to boys and girls, rather more boys watching it. The market share, ie the figure that indicates what percentage of the respective age groups had their television sets switched on for this programme, indicates the enormous success of the programme, especially in the group of the 6-9-year-olds.« (AGF/GfK PC#TV; IP Deutschland). Götz, Maya:, „What fascinates children about Pokémon?“; Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZl); München 2001.
  8. Sie sind - nebenbei gesprochen - ein Beispiel für den ersten Fall (Computer zu Film und Comic).
  9. Bouissou, Jean-Marie: »Manga goes global«, Abs. 1-4, www.ceri-sciencespo.com/archive/avrilOO/artimb.htm
  10. Er erwähnt übrigens zuvor, dass Pikachu nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mütter attraktiv sein sollte. vgl. Kubo Masakazu:, “Why Pokémon Was Successful in America”; http://www.japanecho.co.jp/docs/html/270217.html
  11. Hein Ritter schreibt hierzu: »Die emotionale Bindung des Kindes an die Produkte geschieht durch Identifikation. Durch Identifikation des Jungen etwa mit den superstarken Power Rangers, den Serienhelden von Fernsehfilmen, mit starken und damit wertvollen Pokemons erfolgen tiefgreifende Prägungen der Konsumbedürfnisse; die ldentifikationsfiguren werden durch Film, Comic, Computerspiel, Tonkassetten und Figuren auf vielfache Weise im Wertbewussts ein der Kinder verankert«. vgl. Retter, Heim, „Kinderspiel zwischen Medien und Kommerz“, Abschnitt 4, Tübingen 2000.

Freitag, 24. Juni 2016

Nicht nur für Neo: Lesungen im Cyberspace



Jeder Self Publisher oder Kleinautor, der nicht nur für sich selbst im stillen Kämmerlein schreiben will, hat früher oder später das Problem, dass er seine Texte dem Publikum näher bringen muss. Es über Facebook zu versuchen, ist ein naheliegender Weg. Sich um Lesungen in Cafés und anderen Lokalitäten zu bemühen ein anderer. Lesungen sind zudem lokal begrenzt und nicht jeder Bekannte aus den sozialen Medien kann die mitunter weiten Wege auf sich nehmen, um an einer solchenteilzunehmen. Thorsten Küper und seine Frau Kirsten Riehl haben dafür eine Lösung gefunden: Virtuelle Lesungen im Second Life. Im Interview verraten sie, wie es dazu gekommen ist und was den besonderen Reiz von Lesungen im Second Life ausmacht.

LF: Hallo Thorsten, hallo Kirsten, ihr macht nun schon lange virtuelle Lesungen auf der Plattform Second Life. was hat euch ursprünglich dazu veranlasst, diesen Weg zu gehen? 

Kirsten: Ich habe irgendwann ­ mehr zufällig als bewusst ausgewählt ­ Second Life entdeckt und war sehr fasziniert von der virtuellen Welt. Nach einer Weile hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich die Möglichkeiten ausgereizt hätte und war kurz davor, dieser Welt wieder den Rücken zu kehren. Da habe ich mich auf die Suche nach Lesungen gemacht, weil ich dachte, dass Second Life dafür die ideale Plattform wäre und ich mir nicht vorstellen konnte, dass es das (noch) nicht gibt. Was soll ich sagen? Es gab keine deutschsprachigen Lesungen! Das war die Geburtsstunde der Literaturgruppe Brennende Buchstaben.

Thorsten: Mich hat zunächst fasziniert, welche Möglichkeiten SL Musikern und DJs bietet. Dabei habe ich mich sofort gefragt, wie sich das alles für Autoren nutzen lässt, die aus ihren Büchern lesen wollen.  

LF: Könnt ihr kurz beschreiben, was für euch das Besondere an Second Life ausmacht?

Thorsten: SL und vergleichbare Plattformen faszinieren mich, weil sie genau das sind, was ich mir seit den frühen C64 Zeiten gewünscht habe. Begehbare virtuelle Welten, in denen man auf Nutzer aus der ganzen Welt treffen kann. Noch dazu kann ich selbst einen eigenen Teil dieser Welt gestalten und das genau auf meine Wünsche zugeschnitten. Noch dazu kann ich mit anderen Bewohnern zusammen arbeiten und wir können gemeinsame Projekte entwickeln.  

Kirsten: Sich mit der ganzen Welt verbinden. Freundschaften schließen über geografische Grenzen hinweg.

LF: Was macht für euch den spezifischen Reiz von virtuellen Lesungen aus?

Kirsten: Wir können die Lesungen ausschmücken wie eine Theaterbühne und das immersive Erlebnis ist größer als bei einer Buchlesung im herkömmlichen Sinne, wo ich nur den Autor und sein Buch anstarren kann. In Second Life kann man Räume, Landschaften, ganze Szenerien nachbauen passend zur Geschichte.

Thorsten: Zwei Autoren, der eine in Wien, der andere im Ruhrpott können gemeinsam lesen und das 
vor einem Publikum aus ganz Deutschland, Österreich oder der Schweiz und am selben Abend kann auch noch eine Kollegin auftreten, die auf den kanarischen Inseln lebt. Das alles wäre im realen Raum nicht realisierbar. Noch dazu kann jedes denkbare Bühnenbild geschaffen werden. Von der historischen Ruine über eine futuristische Großstadt bis zur Raumstation ist alles möglich.  

LF: Seht ihr Unterschiede zu Lesungen im realen Leben?  Was macht für euch den Unterschied aus?

Kirsten: Es ist viel einfacher, sich zu Lesungen zu treffen und Schriftsteller/innen und Publikum zusammen zu bringen, weil wir im virtuelllen Raum unabhängiger sind von Entfernungen und Mobilität.

Thorsten: Einige Vorleser sind zunächst skeptisch, weil sie glauben, dass eine virtuelle Lesung zu abstrakt ist und der Kontakt zum Publikum fehlt. Als erstes stellt sich dann das Lampenfieber ein. Es ist dasselbe wie bei einem echten Auftritt. Dann machen sie selbst die Erfahrung, dass die Anwesenheit des Publikums spürbar ist und dass das Feedback genau so intensiv sein kann, wie bei einer Lesung auf Messen, Cons oder anderen Veranstaltungen. Die meisten sind überrascht darüber, wie sehr die Zuhörer mitgehen und sich bemühen, den Autor auch wissen zu lassen, sie ihm tatsächlich zu hören. Noch dazu können die Gäste nachher selbst per Mikrofon Fragen stellen oder Kommentare abgeben. Ich selbst habe "Echte" Lesungen erlebt, bei denen das Publiukum viel hölzerner reagiert hat, als Avatarzuhörer im Metaversum.  

LF: Lesungen, die nicht im virtuellen Raum stattfinden, sind oft nur mäßig besucht. Wie sieht das im Second Life aus?* 

Thorsten: Das kann uns natürlich auch hier passieren, allerdings sind es erfahrungsgemäß meistens zwischen 20 und 25 Zuhörer. Oft auch mehr. Der Spitzenwert beim BB E­Book Event 2016 lag bei 40 Zuhörern. Den absoluten Rekord hält Anja Bagus mit 50 Gästen bei einer Halloween Lesung.  

Kirsten: Am Anfang, als wir noch nicht so bekannt waren, erging es uns ähnlich. Da haben wir um jeden Zuhörer gekämpft. Mittlerweile besuchen im Schnitt 25 bis 30 Avatare eine Lesung, und manchmal sitzt vor dem Bildschirm eines Avatars auch mehr als eine Person.
 
LF: Wie schätzt ihr euer Publikum ein? Ist es engagierter als das übliche Publikum?*

Thorsten: Ob sie engagierter sind als andere Zuhörer kann ich nicht beurteilen. Was mir auf Cons auffällt ­ also im Bereich der Fantastik ­ ist eine gewisse Trägheit der Fans. Da bleiben Lesungen unbesucht, während man sich auf den Gängen oder an der Theke tummelt und die eigentlichen Programmpunkte ignoriert. Das kann man natürlich schlecht mit einer virtuellen Lesung vergleichen. Unsere Zuhörer erscheinen regelmäßig. sie kostümieren sich passend,  sie unterstützen uns bei der Werbung, bringen Freunde mit, schreiben sogar längere Blogpostings über Lesungen. Sie haben offensichtlich Spaß daran und sie erscheinen aus Interesse, nicht nur um höflich zu sein. 

Kirsten: Ja ich denke schon. Wir haben etliche Besucher/innen, die nicht nur rezipieren, sondern auch aktive Unterstützung anbieten. Es ist ja mit dem Einladen des Autors nicht getan. Hinzu kommt die Werbung, und wir sind darauf angewiesen, dass die wiederum in den sozialen Netzwerken geteilt wird. Dann haben wir Leute, die gut darin sind, Bilder von den Lesungen zu machen, andere bloggen über die Events und erhöhen so den Bekanntheitgrad. Nicht zu vergessen sind die Leute, die die Kulissen bauen. Da entstehen richtige Kunstwerke. Es steckt Herzblut drin.


LF: Was macht euer Projekt einzigartig und gibt es Konkurrenzprojekte?

 Kirsten: Nein Konkurrenz haben wir nicht. Nicht, weil wir die Einzigen wären, die Lesungen machen würden, das machen Andere auch, sondern weil ich das nicht als Konkurrenz bezeichne. Uns wird nichts weggenommen, wenn andere auch Lesungen anbieten. Wir haben Freunde, die unsere Lesungen besuchen und selber auch Lesungen anbieten. Lesungen haben keinen Abnutzungseffekt wie Sahnetorte ­ wenn man die aufgegessen hat, ist sie weg.

Thorsten: Es gibt verschiedene Venues in SL, die ebenfalls Lesungen anbieten. Samiraa Addersteins Yúcale Coffee Gallery, BukToms Pegasus Bibliothek, das SL Planetarium von Bastian Barbosa oder Clairediluna Chevaliers SL Stuttgart . Wir stehen aber nicht in Konkurrenz, wir basteln meistens an gemeinsamen Projekten. Und ein Autor, dem es Spaß gemacht hat, bei uns vorzulesen, wird das natürlich auch gern für andere Gastgeber tun.  

LF: Wenn ihr den Lesern einen Tipp in Bezug auf das Autor­Sein geben solltet, welcher wäre das?

Thorsten: Sieh zu, dass du dafür Geld bekommst.  

Kirsten: Hm, da fällt mir nichts ein. "Habe Talent zum Schreiben!" ­ ist das ein brauchbarer Tipp?
  
Thorsten, Kirsten, ich danke euch für das Gespräch.